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Ginkgo oder Gehtraining: Wirksamkeit der Pflanze bei Schaufensterkrankheit

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Geschrieben von Redaktion
Zuletzt aktualisiert am 06.11.2013

Menschen mit der sogenannten Schaufensterkrankheit leiden an einer Durchblutungsstörung der Gliedmaßen. Eine Therapie mit Ginkgo bietet sich hier theoretisch an, die Wirksamkeit einer pflanzlichen Behandlung ist jedoch umstritten. Holländische Wissenschaftler gingen der Sache auf den Grund.

Menschen mit der sogenannten Schaufensterkrankheit leiden an einer Durchblutungsstörung der Gliedmaßen. Häufig sind die Beine betroffen, bei Belastung tritt durch die Minderversorgung der Muskulatur ein stechender, ziehender Schmerz auf, der die Patienten zum Stehenbleiben zwingt. Nach einer kurzen Pause gehen die Symptome rasch zurück, die Patienten können weitergehen bis sie nach kurzer Zeit wieder durch den Schmerz zum Stehenblieben gezwungen werden. Für Außenstehende sieht es dabei so aus, als würden die Betroffenen von Ladenfenster zu Ladenfenster bummeln, daher der Name Schaufensterkrankheit.

Die zugrunde liegende Gefäßerkrankung (periphere arterielle Verschlusskrankheit, kurz pAVK) entwickelt sich allmählich, kann lange Zeit unbemerkt bleiben und ruft vielfach erst im höheren Lebensalter Beschwerden hervor. Allerdings ist das Tempo, mit dem sich die Erkrankung entwickelt, individuell sehr unterschiedlich. Neben dem Gehtraining, welches vor allem in Anfangsstadium der Krankheit die Grundlage der Behandlung darstellt, fragen Patienten immer häufiger auch nach pflanzlichen Medikamenten.

Warum Ginkgo?

Ginkgo wird in der traditionellen chinesischen Medizin schon seit mehr als 1000 Jahren bei Durchblutungsstörungen eingesetzt und auch in der modernen Schulmedizin sind seine gefäßwirksamen Eigenschaften bereits länger bekannt. Die Pflanze wirkt dabei vor allem auf kleine Gefäße und hilft so zum Beispiel bei bestimmten Formen der Demenz. Da es sich auch bei der pAVK um eine Durchblutungsstörung handelt, bieten sich Extrakte des Ginkgo-biloba hier theoretisch an.

Um ebendies zu überprüfen, sammelten holländische Wissenschaftler verschiedene Studien zu dem Thema. Daten von 14 Forschungsarbeiten aus den Jahren 1985 bis 2008 mit ingesamt 739 Patienten flossen dabei in die Auswertung der sogenannten Metaanalyse ein. Um alle Ergebnisse zusammenzufassen und miteinander vergleichen zu können, wurden die verschiedenen von den Arbeitsgruppen angewandten Belastungsarten (Gehstrecke, Laufband mit oder ohne Steigung etc.) in verbrauchte Kilokalorien umgewandelt. Die Patienten nahmen im Rahmen der Versuchsreihen unterschiedlich lange, jedoch mindestens vier Wochen regelmäßig Extrakte des Ginkgo biloba zu sich. Auch die Dosis war nicht bei allen Arbeiten gleich, entsprach jedoch den gebräuchlichen Mengen. Alle Studien verglichen Ginkgo dabei auch mit einem nichtwirksamen Placebo.

Ein kleiner Schritt

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Durch die Behandlung mit Ginkgo biloba erhöhte sich die durchschnittliche Belastbarkeit aller Teilnehmer um 3,57 Kilokalorien. Um diesen Wert zu veranschaulichen, kann man ihn in eine Gehstrecke auf einem horizontalen Laufband umrechnen. Dabei ergibt sich eine Verlängerung der schmerzfreien Gehstrecke, also die Strecke die zurückgelegt werden kann, bevor Beschwerden auftreten, um 31 Meter.

Was sich zunächst gut anhört, stellt sich bei genauer Untersuchung als nicht sehr effektiv heraus. Zum Vergleich: das klassische Gehtraining verbessert die Gehstrecke um mehr als 300 Meter. Ausgehend von der anfänglichen Bewegungsfreiheit der Patienten entspricht das einer Steigerung von 150% und ist somit bis zu zehnmal wirksamer als Ginkgo. Spezielle Trainingsmethoden bringen in der Regel sogar noch bessere Ergebnisse.

Doch lieber Gehtraining?

Man könnte argumentieren, dass auch kleine Verbesserungen eine Rolle spielen, die klinische Relevanz einer Verlängerung der Gehstrecke um 30 Meter ist jedoch fraglich. Für Betroffene ist oft viel wichtiger, ob eine Therapie Einfluss auf die Lebensqualität hat. Dies wurde nur in einer der 14 Studien überprüft – und konnte nicht eindeutig beantwortet werden. Auch auf Schmerzen oder die funktionelle Einschränkungen einer pAVK hatte Ginkgo laut fünf der Arbeiten keinen Einfluss. Als wirkliche Alternative scheidet die Heilpflanze somit aus.

Damit verbleibt nach wissenschaftlichen Standards gerade für die Anfangsphase der pAVK nur das seit langem in den medizinischen Leitlinien empfohlene Gehtraining. Hier ist nicht nur die Wirkung wissenschaftlich belegt, es ist zudem äußerst nebenwirkungsarm.

Information zur Studie:
Studientitel
Ginkgo biloba for intermittent claudication
Autor
Saskia PA Nicolaï, Lotte M Kruidenier, Bianca LW Bendermacher, Martin H Prins, Joep AW Teijink
Jahr
2009
Dauer
1985 bis 2008
Durchfürendes Institut
Atrium Medical Center, Department of Vascular Surgery, Heerlen, Netherlands
Auftraggeber
The Cochrane Collaboration
Studiendesign
Metaanalyse
Teilnehmerzahl
739 Patienten
Literatur:
  • Lauret, G. J., H. C. van Dalen, et al. (2012). "When is supervised exercise therapy considered useful in peripheral arterial occlusive disease? A nationwide survey among vascular surgeons." Eur J Vasc Endovasc Surg 43(3): 308-312.