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Harnwegsinfekte

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Geschrieben von Matthias Bastigkeit , Fachdozent für Pharmakologie/Medizinjournalist
Zuletzt aktualisiert am 06.05.2015

Ein Harnwegsinfekt gehört zu den häufigsten bakteriell bedingten Erkrankungen. Eine Blasenentzündung bekommt man von zu engen Jeans, dem Tragen von nassen Badeanzügen, Tangas und besonders von längerem Sitzen auf kaltem Untergrund. Dies liest man zumindest manchmal in der Laienpresse.

Was stimmt davon? NICHTS! Die Ursachen von banalen Harnwegsinfekten sind Östrogenmangel, erbliche Faktoren und starke sexuelle Aktivität. Die Flitterwochen-Cystitis (engl.: „Honeymoon Cystitis“) ist eine Form der Blasenentzündung, die nach Geschlechtsverkehr auftreten kann. Es handelt sich hier nicht um eine Geschlechtskrankheit, vielmehr wird durch Geschlechtsverkehr das Risiko einer Blasenentzündung nur erhöht. 

Was ist ein Harnwegsinfekt?
Gemäß der aktuellen Leitlinie Harnwegsinfektionen wird ein Infekt der Harnwege wie folgt definiert:
„Eine Harnwegsinfektion wird als unkompliziert eingestuft, wenn im Harntrakt keine relevanten funktionellen oder anatomischen Anomalien, keine relevanten Nierenfunktionsstörungen und keine relevanten Begleiterkrankungen vorliegen, die eine Harnwegsinfektion bzw. gravierende Komplikationen begünstigen.“

 

Von einer Blasenentzündung sind besonders Frauen betroffen. Das Risiko für Patienten mit Diabetes mellitus an einer Harnwegsinfektion zu erkranken, ist bei Frauen fast 25-mal und bei Männern fast 20-mal größer als im Vergleich zu gleichaltrigen Nicht-Diabetikern.

In etwa 80 Prozent der Fälle ist das Bakterium Escherichia coli, das aus der Darmflora in die Harnwege gelangen kann, der auslösende Erreger. In der ersten Infektionsphase heftet sich E. coli hartnäckig an die äußeren Zellen der Blase. Im weiteren Verlauf kommt es zu Entzündungen und Schwellungen im Bereich der Blasenschleimhaut. Die Folge ist vermehrtes, häufig schmerzhaftes Wasserlassen. Der Hinweis, bei einer Blaseninfektion viel zu Trinken, hilft deshalb nur bedingt. Pflanzliche Heilmittel mit Brennnessel oder Goldrute sollten deshalb kritisch hinterfragt werden. Bärentraubenblätter wirken hervorragend desinfizierend. Allerdings stellt das Aroma der Teezubereitung den Kranken auf eine harte Geschmacksprobe. 

Naturheilmittel bei Blasenentzündung (Zystitis)

Die Therapie der unkomplizierten Zystitis beruht in der Naturheilkunde (Phytotherapie) auf drei Prinzipien:

  1. Steigerung der Harnausscheidung mit Birkenblättern, Goldrutenkraut, Orthosiphonblättern, Zinnkraut, Wacholderbeeren u.a.
  2. Bakterienhemmung durch bakterizide/bakteriostatische Substanzen mit Bärentraubenblättern, Brunnenkresse, Kapuzinerkresse und Meerrettichextrakten
  3. Hemmung der Bakterienadhäsion (Anhaftung) an der Blasenwand mit Preiselbeer-Extrakten.

Heilpflanzen bei Harnwegsinfekten

Die Kommission E und die ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) empfehlen die Extrakte aus den Blättern der Bärentraube zur Behandlung unkomplizierter Harnwegsinfekte. Sie sollten immer mit einem pflanzlichen Entwässerungsmittel kombiniert werden. Jüngere Untersuchungen haben gezeigt, dass die Wirksamkeit unabhängig vom pH-Wert des Harns ist. Die Einnahme von Natriumbicarbonat zur Alkalisierung des Harns, wie früher empfohlen, ist nicht notwendig. Damit Zubereitungen mit Bärentraube wirken können, sollten 400 mg Extrakt enthalten sein. Als Anwendungsgebiete nennt der Pflanzensteckbrief (Monographie) der Sachverständigenkommission E entzündliche Erkrankungen der ableitenden Harnwege. Schwangere, Stillende und Kinder unter 12 Jahren sowie Menschen mit bekannter Allergie gegen Bärentraubenblätter dürfen die Droge nicht anwenden. Als Nebenwirkungen können die enthaltenen Gerbstoffe bei magenempfindlichen Personen Übelkeit und Erbrechen verursachen.
 
Eine Art „eierlegende Wollmilchsau“ bei der Behandlung von Erkrankungen der Harnorgane ist die Goldrute. Sie wirkt entwässernd, schwach krampflösend, entzündungshemmend und schwach antibakteriell. Die echte Goldrute wirkt stärker entzündungshemmend als die anderen Goldruten-Arten. Als Anwendungsgebiete nennt die Kommission E die Durchspülung bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege, Harnsteinen und Nierengrieß sowie die vorbeugende Behandlung bei Harnsteinen und Nierengrieß.
 
Die legendäre Hildegard von Bingen (ca. 1098-1179) kannte den Meerrettich als »Merrich«. Sie setzte ihn u.a. bei Brust- und Bauchschmerzen ein, aber auch zum Konservieren von Fleisch und anderen Speisen. Die Meerrettich-Senföle wirken antibakteriell, antiviral und antimykotisch (gegen Pilze). Ebenfalls mit Senölglykosiden kann die Kapuzinerkresse aufwarten. Wegen der ähnlichen Inhaltsstoffe werden beide Pflanzen gern in Kombination zur Therapie von Entzündungen der ableitenden Harnwege und der oberen Atemwege eingesetzt.
„Die Kombination aus Kapuzinerkressenkraut und Meerrettichwurzel wirkt bei Atemwegs- und Harnwegsinfektionen vergleichbar gut wie Antibiotika und hat dabei weniger Nebenwirkungen“, fand eine Studie von Goos et al. heraus. Die Autoren untersuchten an 1654 Patienten, die entweder an einer akuten Sinusitis, Bronchitis oder Blasenentzündung litten, die Wirkung des Phytopharmakons.
 
Viele pflanzliche Nahrungsmittel enthalten als sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe sogenannte Proanthocyanidine (PAC). Die bakterienhemmenden, antioxidativen und antientzündlichen Eigenschaften ermöglichen diesen Substanzen ein breites Anwendungsspektrum in der Medizin. PAC-haltige Pflanzen werden zur Vorbeugung und/oder Therapie von Blasenentzündungen erfolgreich eingesetzt. Reich an PACs sind Cranberries. Diese Powerbeeren sind eine Beerenstrauchart der Gattung der Heidelbeeren (Vaccinum), die zur Pflanzenfamilie der Heidekrautgewächse (Ericaceae) gehört. Weder die Pflanze noch die Anwendung als Heilmittel ist neu, wohl aber die Entschlüsselung ihres Wirkprinzips. Die englische Bezeichnung Cranberry leitete sich von „crane berries“ („Kranichbeere“) ab.
Vorbeugen ist besser als Heilen. Ziel einer Prophylaxe ist es zu verhindern, dass es den Colibakterien gelingt, sich in der Blase einzunisten und zu vermehren. Genau auf diesem Weg wirken Cranberries. Die stäbchenförmigen Bakterien können sich unter dem Einfluss der sogenannten Proanthocyanidine aus den Cranberrys nicht mehr an der Blasenwand anheften und werden ausgeschwemmt. In einer Studie wurde gezeigt, dass durch die tägliche Einnahme von Cranberrykapseln über zwei Jahre Harnwegsinfekte völlig ausbleiben. Die Patientinnen erkrankten vor der Cranberrygabe bis zu sechsmal im Jahr. Der Saft der Früchte der Cranberry (Vaccinium macrocarpo) enthält u.a. antioxidative und bakterienhemmende Substanzen. Diese nehmen mit Bakterien „Kontakt“ auf, indem sie sich an die Tentakeln, die sogenannten Fimbrien, heften und sie verstümmeln. Die Einnahme eines standardisierten Cranberry-Extraktes in Tablettenform hat gegenüber einer Saftzubereitung zahlreiche Vorteile.
  • Der Saft ist erheblich kostspieliger als eine orale, feste Darreichungsform (je nach Anbieter bis zu 12,- pro Flasche).
  • Bei einer empfohlenen Trinkmenge von 250 ml kommt es zu Tagestherapiekosten von bis zu 4,-. Eine Patientin muss für eine Prophylaxe für die Dauer eines Jahres somit fast 1500,- € aufwenden!
  • Je nach Hersteller hat der Saft einen Brennwert von bis zu 550 Kcal pro Liter
  • Der Saft muss gekühlt werden, die Anwendung, der Transport, die Lagerung (besonders für Berufstätige) ist aufwendiger.

Gegen viele „weibliche“ Beschwerden ist ein Kraut gewachsen, es muss nicht immer Chemie sein. Die Wirkung von pflanzlicher Medizin ist für viele der Erkrankungen wissenschaftlich gesichert, dennoch sollten Sie als Anwenderin kritisch bleiben. Fragen Sie am besten immer Ihren Arzt oder Apotheker um Rat.

Die Quellenangaben für diesen Ratgeber anzeigen.

 

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