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„Wer heilt, hat recht“ – Interview mit dem Bestseller-Autor und Chefarzt Prof. Dr. med. Sven Gottschling

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Geschrieben von 2019-03-25
Zuletzt aktualisiert am 2019-03-2525.03.2019

Bezahlte Partnerschaft  (Foto: © Gaby Gerster)

Der Homburger Chefarzt und Palliativ-Mediziner Prof. Dr. med. Sven Gottschling versucht in seinem neuen Buch „Wer heilt, hat recht: Chancen und Grenzen der Alternativmedizin“ den Vorurteilen alternativer Heilmethoden auf den Grund zu gehen. Er stellt dabei Akupunktur, Cannabis-Therapie, Hypnose oder Tiergestützte Therapie auf den Prüfstand, zeigt Grenzen auf und gibt Patienten Tipps, worauf Sie bei Behandlungen achten sollten.

Für Ihn spielt dabei die Vertrauensbasis zwischen Arzt und Patient eine essentielle Rolle und ist damit für einen Behandlungserfolg entscheidend – das gilt sowohl für die Schulmedizin als auch komplementäre Heilmethoden. Auch in der Psyche und der damit einhergehenden Selbstheilungskraft des Menschen sieht er großes Potential, um Krankheiten effektiv behandeln zu können.

In einem Interview konnten wir dem Autor detaillierte Fragen zu seinem Buch und dem Umgang mit bestimmten Phytotherapeutika stellen.


Interview mit Prof. Dr. med. Gottschling

DocJones.de: Hallo Prof. Dr. med. Gottschling, wir freuen uns Sie zu Ihrem neuen Buch „Wer heilt, hat recht: Chancen und Grenzen der Alternativmedizin“ interviewen zu dürfen. Es handelt sich dabei um Ihr drittes Buch. Wie sind Sie als Schulmediziner überhaupt zu diesem Thema gekommen?


Prof. Dr. med. Gottschling: Ich habe damals an einem Universitätsklinikum in der Kinderonkologie als Arzt ein Praktikum angefangen. Wir hatten ganz viele Familien, die nach ergänzenden Behandlungsmethoden zusätzlich zu einer Chemotherapie für ihre Kinder gefragt haben. Mein damaliger Chef hat gesagt, wir haben alle keine Ahnung davon, da muss sich mal jemand intensiver mit dem Thema beschäftigen. Ich hab‘ mich nicht schnell genug weggeduckt, das war dann eigentlich höchst unfreiwillig. Ich hab‘ mich dann aber intensiv in das Thema reingebuddelt, auch selbst eine Akupunktur-Weiterbildung gemacht und im Verlauf zahllose Studien zum Thema durchgeführt und habe mich letztendlich auch zum Thema komplementäre Behandlungsmethoden in der Kinderheilkunde habilitiert.

 

DocJones.de: Ihr Buch ist eine Art Vermittlungsversuch. Denken Sie, dass sich Naturheilkunde und Schulmedizin einander näher sind als manche glauben?


Prof. Dr. med. Gottschling: Ich glaube, dass hier eine so scharfe Trennung zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde oder Komplementärmedizin gar nicht sinnvoll oder notwendig ist, zumal auch der Schulmedizin nur maximal 10 bis 15 % wirklich einbetoniertes, abgesichertes Wissen zur Verfügung steht. Wir wissen, dass Patienten diese vermeintlich sanften Methoden sehr stark nachfragen und sehr positiv belegen, und es ist einfach unsere Pflicht, in der bestmöglichen Betreuung unserer Patienten sich auch mit diesem Thema erstmal sachlich auseinander zu setzen und dann aber für Patienten auch eine fachlich fundierte Einschätzung abzugeben.

 

DocJones.de: Eine positive Einstellung zur Behandlung kann wie der Placebo-Effekt große Heilwirkungen haben. Trotzdem sehen Sie bestimmte Heilmethoden kritisch. Warum?


Prof. Dr. med. Gottschling: Ich glaube, dass man natürlich dem Placebo-Effekt möglichst positiv und offen gegenüber treten sollte. Wenn es aber Behandlungsmethoden gibt, die nachweislich unwirksam sind, dann noch zum Teil mit erheblichen finanziellen Belastungen für den Patienten einhergehen oder ihn möglicherweise gar schädigen, muss das gesagt werden dürfen. Natürlich ist es prinzipiell in Ordnung, wenn sich Patienten bei harmlosen Erkältungskrankheiten Homöopathika verschreiben lassen. Ich halte es aber für wesentlich, dass man laut sagen darf, dass die Wirkeffektivität von homöopathischen Arzneimitteln nicht belegt ist und dass der Wirkeffekt der Methode wohl über Zuwendung funktioniert. Es geht ja auch immer darum, Patienten mit wirklich gravierenden Erkrankungen auch vor Fehlbehandlungen oder auch einem zu späten Beginn wirksamer schulmedizinischer Behandlung zu schützen.

 

DocJones.de: Heilpflanzen werden in Ihrem Buch ausführlich gewürdigt. Welche Rolle spielen pflanzliche Wirkstoffe für Sie als Arzt?


Prof. Dr. med. Gottschling: Pflanzliche Wirkstoffe können bei einzelnen Indikationen durchaus Alternativen zu pharmakologischen Reinsubstanzen sein. Auch hier eher wieder für die Anwendung bei leichteren Beschwerden oder Blessuren. Aber auch hier sollte man sich natürlich wirklich gut mit möglichen Risiken oder auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auskennen. Pflanzlich ist eben nicht gleichzusetzen mit unbedenklich. Von dem her warne ich erneut vor einem unkritischen Einsatz.

 

DocJones.de: Sie widmen ein ganzes Kapitel der Cannabistherapie. Wir haben uns als Portal für Pflanzenheilkunde auch mit diesem Thema und dem therapeutischen Nutzen von Cannabis beschäftigt. Welche Vorteile sehen Sie in der alternativen Behandlung mit Cannabinoiden?


Prof. Dr. med. Gottschling: Den Riesenvorteil beim therapeutischen Einsatz von Cannabinoiden sehe ich für vielfältige Krankheitsbilder, die auf bisherige etablierte Behandlungsmethoden nicht angesprochen haben. Das reicht von schmerzhafter Spastik bis zu chronifizierten Schmerzen, insbesondere Nervenschmerzen, vom Tourette-Syndrom bis zur therapierefraktären Epilepsie im Kindesalters oder bei Erkrankungen entzündlicher Genese, wie z.B. chronische entzündliche Darmerkrankungen oder rheumatoide Arthritis. Der Vorteil  liegt zum einen in einer rezeptorvermittelten Wirkung, d.h. wir haben tatsächlich einen völlig neuen therapeutischen Ansatz auch bei Patienten, bei denen man schon viel probiert hat; zum anderen ist bei gut überlegter und ärztlich gesteuerter Anwendung das Nebenwirkungsprofil außerordentlich günstig – gerade im Vergleich zu vielen sehr eingreifenden pharmakologischen Therapien bei bestimmten Krankheitsbildern.

 

DocJones.de: Was hat sich mit dem neuen Cannabis-Gesetz seit März 2017 geändert?


Prof. Dr. med. Gottschling: Mit dem neuen Cannabis-Gesetz seit 2017 hat sich natürlich zum einen geändert, dass uns jetzt für eine deutlich größere Anzahl von Menschen in verzweifelten Erkrankungssituationen tatsächlich eine kassenfinanzierte neue Therapie-Option zur Verfügung steht; was sich allerdings auch geändert hat, sind die riesengroßen Stapel an Anträgen, Rückfragen, Widersprüchen und sozialrechtlichen Auseinandersetzungen für die Patienten. Ich glaube, wenn man verstehen möchte, was Bürokratie wirklich ist, muss man sich mit dem Thema Cannabinoide in der Medizin auseinandersetzen – und das macht mürbe.

 

DocJones.de: In welchen Bereichen werden Cannabinoide bereits erfolgreich eingesetzt und wie werden diese eingenommen (Rauch, Spray, Tablette usw.)?


Prof. Dr. med. Gottschling: Die Bereiche sind wie gesagt außerordentlich vielfältig; so können wir sie zur Muskelrelaxierung bei Spastik einsetzen, Appetit anregen und damit eine antikachektische Wirkung erzielen und Übelkeit lindern. Cannabinoide können außerdem schmerzlindernd und schmerzdistanzierend, entzündungshemmend oder angstlösend wirken. Wir setzen sie bei kindlichen Unruhezuständen, bei Tourette-Syndrom und bei Autismus-Spektrum-Störung wirksam ein. Es gibt Studien mit Wirkhinweisen bei posttraumatischen Belastungsstörung und es existiert eine hoffnungsfroh stimmende Forschung im Bereich der Tumortherapie sowohl im nebenwirkungsminimierenden Einsatz als auch – aber das ist sicherlich noch Zukunftsmusik – im Rahmen der tumorspezifischen therapieverstärkenden Wirkung von Cannabinoiden bzw. zum Anstoß der Selbstzerstörung von Tumorzellen (Apoptose). Das wird in der Zukunft ein unfassbar spannendes Forschungsfeld werden.

Ich setzte grundsätzlich Cannabinoide in oral einzunehmender Form ein, weil wir niedrige, aber stabile Wirkstoffspiegel bekommen und wir die hohen Plasmaspitzenspiegel, wie sie bei der inhalativen Anwendung auftreten, therapeutisch nicht brauchen.

 

DocJones.de: Welche Rolle spielt die Suchtgefahr bei einer längeren Behandlung mit Cannabis?


Prof. Dr. med. Gottschling: Suchtgefahr und Toleranzentwicklung bei oraler Anwendung, auch bei Langzeitanwendung von Cannabinoiden, liegt bei Null. Im Niedrigdosisbereich sehen wir keine psychotropen Nebenwirkungen. Ich persönlich betreue etliche Patienten schon über 10 Jahre mit stabilen niedrigen Cannabinoid-Dosen und habe auch schon sehr oft Cannabinoide wieder rausgenommen, wenn die zugrunde liegende Problematik nicht mehr da war. Anders als mit Opioid-Schmerzmedikamenten ist eine Herausnahme dieser Substanzen oder gar teilweise ein unvermitteltes Absetzen in der Regel völlig unproblematisch.

 

DocJones.de: Gibt es Patienten, bei denen Sie von einer Behandlung mit Cannabinoiden abraten?


Prof. Dr. med. Gottschling: Natürlich rate ich auch vielen Patienten von einer Behandlung mit Cannabinoiden ab. Das ist keine Allzweck-Wunderwaffe. Hier bedarf es immer einer vernünftigen ärztlichen Indikationsstellung und es sollte jedem Patienten natürlich auch bewusst sein, dass in der initialen Einstellungsphase für mindestens 14 Tage das Führen eines Fahrzeuges nicht möglich ist, und dass bei der Anwendung als Inhalation das Führen eines Fahrzeuges vollkommen eingestellt werden sollte.

Viele Patienten haben auch die Vorstellung, dass man mit einer Cannabinoid-Medikation quasi alle anderen schulmedizinischen Arzneimittel ersetzen kann. Das geht bis hin zu der Vorstellung, dass Cannabinoide anstatt einer Chemotherapie zur Krebsbehandlung verwendet werden können. Solche lebensgefährlichen Fehleinschätzungen muss man dann natürlich auch immer wieder gerade rücken.

 

DocJones.de: Sie stellen noch weitere alternative Heilverfahren wie Akupunktur, Tiergestützte Therapie oder Hypnose vor. Welche Verfahren wenden Sie in Ihrer Praxis erfolgreich an?


Prof. Dr. med. Gottschling: Wir selbst verwenden sehr intensiv Akupunktur bei unseren Patienten. Hier nutzen wir in der Regel schmerzfreie Laser-Akupunktur, da wir sehr viele Kinder aber auch ältere Menschen behandeln, die oftmals keine echten Nadelfans sind. Wir haben hierzu auch zahlreiche placebokontrollierte Doppelblindstudien mit Laser-Akupunktur durchgeführt, um uns auch wissenschaftlich von der Wirkeffektivität dieser Behandlungsmethode überzeugen zu können.

Daneben haben wir mit Therapiebegleithunden Studien durchgeführt. Ebenso setzen wir regelhaft Kunst und Musik-Therapie ein. Wir beginnen jetzt auch mit einer eigene Sprechstunde für Misteltherapie und arbeiten mit hypnotherapeutischen Techniken.

 

DocJones.de: Was würden Sie Schulmedizin und Naturheilkunde abschließend gerne mit auf den Weg geben?


Prof. Dr. med. Gottschling: Ich wünsche mir prinzipiell ein vorurteilfreies und offenes aufeinander Zugehen, neugierig zu sein für den jeweils anderen und nicht unbegründet, dogmatisch oder fanatisch gegen die Schulmedizin oder gegen die Komplementärmedizin zu wettern. Um dem Patientenwunsch nach alternativen Heilmethoden gerecht zu werden, ist der medizinische Weg der Zukunft ein integrativer, d. h. Schulmedizin und Komplementärmedizin sollten Hand in Hand gehen, wobei der Fokus auf nachgewiesenen, wirkeffektiven Methoden liegen sollte.

Buch-Cover „Wer heilt, hat recht“


Weiterführende Infos zum Buch:

  • Preis € (D) 16,99 | € (A) 17,50
  • ISBN: 978-3-596-70317-3
  • 320 Seiten
  • Klappenbroschur FISCHER Taschenbuch

Ab sofort bei Fischer Verlage, im Buchhandel und bei Amazon.de erhältlich.