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Bist du verrückt? Das Stigma der psychischen Erkrankung

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Geschrieben von Redaktion
Zuletzt aktualisiert am 21.08.2017

Psychische Erkrankungen sind vielfältig, da muss es eigentlich überraschen, wie sehr sie immer noch mit dem Stigma „verrückt“ assoziiert sind. Denn abgesehen von der Tatsache, dass dies eine überaus diskriminierende Verkürzung der Befunde ist, tut sie den Betroffenen in  ebenso vielfältiger Weise Unrecht. Um eine weitere Stigmatisierung zu unterbinden, sind Aufklärungsarbeit von der einen und Einfühlungsvermögen von der anderen Seite gefragt. Das sollte in einer Zeit der Antidiskriminierungsgesetze und Inklusion eine Selbstverständlichkeit sein – und ist es dann doch nicht.

 

„Du bist doch verrückt!“ oder „Hast du sie nicht mehr alle?“ sind Sprüche, die jeder von uns kennt und die vielen von uns sicher schon das eine oder andere Mal über die Lippen gekommen sind. Für gewöhnlich entbehren sie einer ernsteren oder gar verletzenden Absicht und sind vielmehr Ausdruck dafür, dass jemand in seinem Verhalten von der Norm abweicht, im positiven oder im negativen Sinne. Was solche Aussagen und Zuschreibungen eigentlich problematisch erscheinen lässt, ist der Umstand, welches Bild von Menschen mit psychischen Erkrankungen dahinter steht.

 

Oder anders ausgedrückt: Das Problem besteht vielfach in der Vorstellung, wie psychische Krankheiten funktionieren, verbunden mit fehlender Empathie – Krankheit wird allzu oft auf die äußerlich sichtbaren Anzeichen reduziert. Die kennen viele, wenigstens in ähnlicher Form, und können das Leiden damit leichter nachvollziehen. Bei psychisch Erkrankten ist das nicht so leicht möglich und das öffnet Miss- und Unverständnis Tür und Tor. Ein Grund mehr, mit dem Stigma des Verrücktseins aufzuräumen und aufzuklären.

Ein alltägliches Problem

Am schwierigsten im Umgang mit psychischen Erkrankungen dürfte die Tatsache sein, dass ihr Ausmaß meistens völlig unterschätzt wird. Maßnahmen wie die Erweiterung der Definition von Pflegebedürftigkeit um ebensolche psychischen Krankheitsbilder, die nicht zwingend Einfluss auf die körperliche ‚Funktionstüchtigkeit‘ haben, sind ein wichtiger und richtiger Schritt dahin, die Gesellschaft insgesamt für das Thema zu sensibilisieren. Dazu gehört aber genauso die Aufklärung darüber, dass eine Erkrankung des Geistes nicht erst bei Zwangsstörungen, Demenz oder Psychosen beginnt.

Die Diagnose-Problematik

Ein Knochenbruch kann durch eine Röntgenaufnahme festgestellt werden, bei einer psychischen Krankheit geht das verständlicherweise nicht. Was wiederum nicht bedeutet, die Ursachen könnten nicht auf der körperlichen Ebene liegen. Das Gegenteil ist der Fall, sehr häufig sind etwa genetische Vorbelastungen verantwortlich, aber auch anderweitig entstandene Stoffwechselveränderungen im Hirn können Auslöser sein.

 

Beispiel für eine psychische Erkrankung: Die Angststörung

 

Daneben verursachen psychologische Faktoren (dazu zählt etwa eine Traumatisierung) und soziale Umstände (zum Beispiel die Überforderung am Arbeitsplatz) psychische Störungen. Es gibt also eine Vielzahl möglicher Ursachen. Zu den häufigsten Krankheitsbildern gehören Angsterkrankungen, Depressionen, Schizophrenien und alkoholbedingte Erkrankungen. Häufig meint in diesem Zusammenhang, dass rund 40 Prozent der Bevölkerung wenigstens einmal in ihrem Leben psychisch erkranken.

Hochkomplex und heterogen: Die Zusammenhänge psychischer Erkrankungen

Die Schwierigkeit besteht nun eben darin, dass die Risikofaktoren sehr verschieden sind. Sprich: Unterschiedliche Faktoren können in unterschiedlich starker Ausprägung vorkommen, haben aber mitunter dieselbe Wirkung auf Menschen. Nicht ungewöhnlich ist dabei das Zusammenwirken verschiedener Ursachen, was die exakte Diagnose umso komplizierter macht. 

 

Generell sind einfache und pauschale Aussagen über Ursache-Wirkung-Zusammenhänge bei psychischen Erkrankungen kaum möglich. So ist es zwar sicher nicht falsch zu sagen, dass Depressionen im Arbeitsumfeld zu den häufigsten Ursachen einer Arbeitsunfähigkeit zählen. Wie genau diese entstehen, ist aber wesentlich komplexer als das übliche „Stress-führt-zu-Depressionen“-Muster.

 

 

Tatsächlich ist sogar der umgekehrte Fall denkbar und eine bestehende Anlage zur Depression lässt den Betroffenen eigentlich normale Belastungen am Arbeitsplatz schlechter kompensieren. Zusätzlicher Stress entsteht, weil die Toleranzgrenze schon grundsätzlich sehr niedrig ist. Das Ergebnis mag das gleiche sein, dennoch sind die Zusammenhänge unterschiedlich.

Wahrnehmung und Stigmatisierung durch die Gesellschaft

Für die Wahrnehmung einer solchen Erkrankung mag das wiederum keine Rolle spielen. In der Gesellschaft gelten psychische Krankheiten oft nach wie vor als Abweichung von der Norm. Mit dem erkennbaren Anderssein – das kann sich beispielsweise in Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion ausdrücken, in unvorhersehbaren Stimmungsschwankungen, aber eben auch in geringerer Belastbarkeit – gehen häufig genug negative Stereotype einher.

 

Die Folge ist die Stigmatisierung der erkrankten Person. Das ist ein sozialer Mechanismus, der eben dazu dient die Andersartigkeit gegenüber den eigenen Vorstellungen von richtigem Verhalten innerhalb der Gemeinschaft zu signalisieren. Die abweichenden Merkmale sind aber nicht allein negativ definiert: Sie sind meistens mit einer Reihe negativer Eigenschaften assoziiert. Die Reaktion ist daher Abgrenzung bis hin zur Diskriminierung, was bei Betroffenen zu einer Verstärkung der Symptome führen kann.

 

Verkürzt kann der Stigmatisierungsprozess wie folgt dargestellt werden:

 

  1. Die Normabweichung wird wahrgenommen und als solche benannt.
  2. Dadurch werden die mit der Abweichung verbundenen negativen Stereotype aktiviert.
  3. Es folgt die Abgrenzung gegenüber der stigmatisierten Person.
  4. In seinem Umfeld erfährt der Stigmatisierte Diskriminierung.
  5. Folge sind weitere negative Konsequenzen für das Leben der Betroffenen, die über die Erkrankung hinausgehen.

Erschwerend kommt hinzu: Die gesellschaftlichen Vorstellungen zu abweichendem Verhalten sind auch den Erkrankten bekannt. Um der Stigmatisierung zu entgehen, ist eine nicht unübliche Reaktion der soziale Rückzug. Was als Selbstschutz gedacht ist, verhindert allerdings gleichzeitig den Kontakt zu den Menschen, die beim Abbau des Stigmas helfen könnten.

 

Wird darüber hinaus die Stigmatisierung noch verinnerlicht, droht ein ähnlicher Teufelskreis aus geringem Selbstvertrauen, Schamgefühl und einer Verstärkung der Krankheitssymptome, wie er auch infolge der Diskriminierung durch andere entstehen kann.

 

Eine rationale, nicht emotionale Auseinandersetzung mit den Hintergründen psychischer Erkrankungen durch Angehörige und das Umfeld der Betroffenen ist deshalb ein unerlässlicher Schritt, um Stigmatisierungen zu vermeiden.

Psychische Erkrankungen und ihre mediale Darstellung

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Das ist allerdings kein leichtes Unterfangen, denn die mediale Darstellung psychischer Krankheiten trägt dazu mitunter wenig bei. Im Gegenteil wird dabei gerne mit genau den Stereotypen gespielt, die es den Betroffenen umso schwerer macht, ihren Alltag mit einem normalen gesellschaftlichen Umgang ohne Diskriminierung zu leben.

Die Darstellung in Bild und Film

Die Ironie am medialen Umgang mit der Thematik: Wo die Gesellschaft ansonsten mit Ablehnung und Stigmatisierung reagiert, ist besonders bei filmischen Darstellungen das Abweichen von der psychischen Norm mit einer gewissen Faszination behaftet. Als Argument mag hier die außeralltägliche Situation herhalten, die im Film abgebildet wird, dennoch scheint das Phänomen paradox. Noch dazu, weil eine realistische Darstellung der Krankheiten oft genug gar nicht beabsichtigt ist. Stattdessen wird mit bewusster Überspitzung gearbeitet, um das Interesse der Zuschauer zu wecken.

 

Nur ein Beispiel: Der Dortmunder Tatort-Kommissar Peter Faber, verkörpert von Jörg Hartmann, zählt zu den vielleicht interessantesten Vertretern seiner Zunft, weil er eben kein bisschen gesellschaftskonform ist. Er ist ein Quertreiber, ein Provokateur und ein Traumatisierter – der Verlust von Frau und Kind führt zu Depressionen und einem Medikamentenproblem, die Kombination gipfelt in Verhaltensauffälligkeiten bis hin zur Unberechenbarkeit.

 

Das ist interessant anzusehen, weil dadurch einerseits die Reibungspunkte mit den anderen Figuren entstehen, andererseits ist der Verzicht auf Realismus kaum zu übersehen – angefangen damit, dass Faber trotz seines Zustandes weiterhin beruflich tätig ist (noch dazu im Polizeidienst). Derlei Beispiele ließen sich viele finden, dazu ist es nicht einmal notwendig, sich die zahlreichen Comic-Verfilmungen zu Gemüte zu führen, in denen Helden wie Schurken traditionell ihr Päckchen psychischer Probleme mit sich herumtragen müssen.

 

Vorschau: Der Dortmunder Tatort mit „Schwerelos“

 

Kaum besser allerdings ist die Darstellung im Bild. Das mag auch wieder der Schwierigkeit geschuldet sein, die durch eine äußerlich nicht sichtbare Erkrankung besteht. Also wird auf die üblichen Stereotype zurückgegriffen: An Depression erkrankte Personen sind deshalb fast immer ein Abbild völliger Verzweiflung und Traurigkeit. Köpfe werden in Händen vergraben, Dunkelheit scheint der einzige Rückzugsort zu sein. So stellen sich viele Nichtbetroffene die seelische Verfassung der Erkrankten vielleicht wirklich vor, allerdings – auch das hat mit der Realität wenig zu tun.

 

Aber: Es gibt Bemühungen um Besserung, angestoßen unter anderem vom Aktionsbündnis „Seelische Gesundheit, das unter anderem bei Drehbuchautoren für ein besseres Verständnis für psychische Erkrankungen sorgen möchte. Alles im Sinne einer realistischeren Darstellung der komplexen Krankheiten, um eine leichtfertige Stigmatisierung zu verhindern.

Das Selbstbild der Erkrankten

Tobi Katze etwa weiß das sehr genau. Der Autor muss selbst mit Depressionen umgehen und in seiner STERN-Kolumne „dasgegenteilvontraurig“ hat er die Diskrepanz zwischen den Symptomen seiner Krankheit und der Art der Bildsprache in den Medien deutlich angesprochen. Sein Resümee: Die Wurzel des Übels liegt in der Gleichstellung einer Emotion – oder verschiedener Emotionen wie Verzweiflung und Traurigkeit – mit der Krankheit selbst. Das ist in gewisser Weise nachvollziehbar, denn diese Emotionen sind auch Nichtbetroffenen meist nicht fremd. 

 

Eine Depression ist eine komplexe Krankheit, die bildlichen Darstellungen dafür oft umso stereotyper.

Problematisch ist allerdings nicht allein die synonyme Verwendung, sondern die dahinter stehende Botschaft. Depressive scheinen durchweg an ihrem hoffnungslosen Zustand zu verharren, die Krankheit scheint sich in erster Linie in der Unfähigkeit auszudrücken, diesen zu überwinden. Als Betroffener weiß Tobi Katze aber eben sehr genau, dass Depression eben das nicht ist – genauso wenig, wie sie auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Das institutionelle Bild psychischer Erkrankungen

Das Bild in den Institutionen der medizinischen und pflegerischen sowie juristischen Versorgung von psychisch Kranken ist selbstverständlich ein professionelles und gerade deswegen sollte den verantwortlichen Berufsgruppen viel mehr Gehör geschenkt werden. Denn sie zeigen, wie der Umgang mit solchen Krankheitsbildern auch ganz unbefangen und ohne emotionale Aufladung funktionieren kann.

Die Pflegeperspektive

Hinzu kommt, dass im Pflegerinnen und Pfleger im psychiatrischen Bereich mit ähnlichen Diskrepanzen zwischen öffentlicher Darstellung und realer Situation zu kämpfen haben. Über lange Jahre hinweg hat sich der Schwerpunkt von der Pflege hin zu einer medizinischen Behandlung (mit dem Ziel einer tatsächlichen Heilung) verlagert. Was bedeutet, dass der Arbeit der Mediziner in der Folge eine (weitaus) größere Bedeutung zugemessen wurde und wird als der Arbeit des Pflegepersonals. 

 

In der Praxis und in der öffentlichen Wahrnehmung beschränken sich die Diskussionen um die Behandlung psychischer Erkrankungen daher häufig auf Fragen der medikamentösen Behandlung. Die „nichtmedizinischen“ Arbeiten, also die psychiatrische Pflege, tritt dagegen in den Hintergrund. Dabei machen diese den Großteil der Maßnahmen aus. In den Händen der Pfleger liegt schließlich die Aufgabe, rund um die Uhr für eine Stationsatmosphäre zu sorgen, die nicht nur ganz allgemein der Gesundheit aller Patienten förderlich ist, sondern in der diese außerdem die Möglichkeit haben, sich mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen und die Rückkehr in den Alltag voranzutreiben.

 

Der Patient auf der Couch? Der psychiatrische Pflegealltag sieht deutlich anders aus.

Das geschieht meist in einer (vorsorglichen und präventiven) 1:1-Begleitung, weil nur so den hochindividuellen Erkrankungen Rechnung getragen werden kann. Was können Außenstehende davon lernen? Dass psychische Krankheiten immer individuell, im Kontext der jeweiligen Biografie und vor den persönlichen sozialen und ökonomischen Voraussetzungen des Betroffenen betrachtet werden müssen und keineswegs auf die „leichte Schulter“ einer rein medikamentösen Therapie genommen werden sollten.

Die rechtliche Perspektive

Auf der Gesetzesebene scheint sich in letzter Zeit einiges getan zu haben, was die Bedürfnisse psychisch Kranker betrifft. Mit den Regelungen zur Patientenverfügung wurden vor knapp zehn Jahren die Weichen für die gesundheitliche Selbstbestimmung gestellt – ohne jede Sonderregelung für Menschen mit seelischen Erkrankungen. Diesen wurden also dieselben Rechte bei Fragen zu ihrer Behandlung eingeräumt, wie allen anderen Patienten. Der Behandlungsalltag sieht allerdings bis heute anders aus, insbesondere hinsichtlich Zwangsbehandlungen.

 

Dabei hat sogar das Verfassungsgericht festgestellt, dass solche Maßnahmen eine schwere Zuwiderhandlung gegen die Freiheitsrechte der Patienten darstellen. Mit möglicherweise tiefgreifenden Folgen für das gesamte Leben: Zwangseinweisungen etwa werden in den Gerichtsakten vermerkt und sowohl dem Ordnungsamt als auch dem sozial-psychiatrischen Dienst gemeldet. Welche Auswirkungen das etwa auf das Berufsleben haben kann – nämlich unter anderem das Infragestellen der Dienstfähigkeit von Seiten des Arbeitgebers und einen möglichen Arbeitsplatzverlust –, ist für den einweisenden Psychiater kaum bis gar nicht abzuschätzen.

 

Besser wäre es daher, einem psychisch Erkrankten sein gesetzlich verbrieftes Recht auf Behandlungsuneinsichtigkeit zuzugestehen. Wenn der Patient eine Behandlung trotz aller Aufklärung durch die Ärzte als nicht sinnvoll erachtet, sollte er nicht dazu gezwungen werden. Das ist natürlich einfacher gesagt als getan: Die behandelnden Mediziner und Psychiater müssen hierbei lernen, sehr genau zwischen zu unterscheiden, ob der Erkrankte nach objektiven Kriterien zu einer solchen Entscheidung noch fähig ist. Die Voraussetzung dafür ist wiederum die intensive Auseinandersetzung mit dem Patienten. 

Risiko, Schutz und Inklusion – die Suche nach einer sozialen Psychiatrie

Die Behandlung sollte grundsätzlich in und mit dem Lebensumfeld des Erkrankten abgestimmt sein. Der Aufenthalt in einem psychiatrischen Krankenhaus ist dabei immer die allerletzte Instanz und nur für den Fall einer ernsthaften Gefährdung gedacht.

Risiken richtig einschätzen

Das Thema Risiko ist und bleibt trotzdem ein ganz zentrales für die psychiatrische Behandlung. Der Hintergrund ist aber zumeist immer noch die Angst vor der potenziellen Gefahr in Form von Aggression und Gewalt, die manche Krankheitsbilder mit sich bringen. Der Wunsch, gewalttätiges Verhalten zu unterbinden, indem die Risiken dafür so gering wie möglich gehalten werden, ist zwar nachvollziehbar. Allerdings sollte das nicht die ausschließliche Behandlungsgrundlage sein.

 

Nicht zuletzt deshalb, weil die Wirksamkeit von Maßnahmen, der einziges Ziel es ist, das Risiko von Gewalt zu reduzieren, bisher nicht nachgewiesen werden konnte. Schlimmer noch, sie tragen weiter zur Stigmatisierung der Patienten bei, indem sie die Folgen der Krankheit – nämlich das mögliche gewaltsame Verhalten – in den Vordergrund rücken anstelle der Ursachen. Der Patient erscheint so als permanente Gefahr für sein Umfeld, das es zu schützen gilt. Die Belange des Erkrankten bleiben hingegen, so scheint es zumindest, unter dieser Prämisse zweitrangig. 

 

Hilfreich kann hierbei das Recovery-Konzept sein, dass gefährdende und positive Risiken unterscheidet:

  • Gefährdende Risiken

meint einerseits Handlungen und Verhaltensweisen, die Gewalt gegen Personen (was auch die erkrankte Person einschließt) oder Sachgegenstände beinhalten, aber ebenso Verhaltensweisen, deren Konsequenzen der Patient nicht abschätzen kann. Der Fokus von psychiatrischen Kliniken liegt oftmals auf solchen Risiken und die Behandlungsziele sind entsprechend auf ihre Vermeidung ausgelegt.

  • Positive Risiken

sind Situationen, die vom Patienten als Herausforderung wahrnimmt. Diese können entwicklungsfördernd wirken und damit zum Genesungsprozess beitragen.

 

Damit letzteres überhaupt passieren kann, muss auf Seiten des psychiatrischen Personals die Bereitschaft bestehen, dem Patienten die dazu notwendigen Freiheiten zuzugestehen. Solange die Behandlung jedoch an den gefährdenden Risiken orientiert bleibt, wird das nicht der Fall sein. 

Vom Umgang mit dem Erkrankten

Die Herausforderung, die damit verbunden ist, besteht unter anderem darin, das nötige Vertrauen aufzubauen. Das erfordert einen engen und kontinuierlichen Umgang mit den Erkrankten – das ist zeit- und personalintensiv und damit entsprechend teuer. Teurer jedenfalls als eine ambulante Behandlung, nach der die Patienten wieder nach Hause gehen können.

 

Dies ist letztendlich einer der Gründe dafür, dass viele psychotherapeutische Behandlungszentren die stationäre Behandlung nicht mehr leisten können. Daneben spielt auch die veränderte Betrachtungsweise eine Rolle: Die Ursachen psychischer Krankheiten werden verstärkt im Biologischen gesehen – eine Folge des medizinischen Glaubens daran, allen Krankheiten mit den geeigneten Medikamenten beikommen zu können. Und tatsächlich mag dies für einige Krankheitsbilder auch stimmen.

 

Daraus resultieren jedoch zwei Schwierigkeiten für jene, die an einer chronischen und/oder schweren psychischen Erkrankung leiden:

  • Da bei ihnen oftmals eine Behandlung mit Medikamenten allein nicht zielführend ist, verschlechtern sich entsprechend die Chancen auf eine Verbesserung ihres Zustands.
  • Mehr noch besteht eine größer werdende Tendenz, das mit den Erkrankungen oft einhergehende abweichende Verhalten strafrechtlich verfolgen zu lassen. Dieses Vorgehen bedeutet für die Patienten zwar eine stationäre Unterbringung – allerdings in einer forensischen, also in der umgangssprachlich „geschlossenen“ Abteilung. 

 

Sicher muss das nicht per se schlecht für den Patienten sein, aber die Behandlung in solchen Abteilungen ist nicht nur eine sehr intensive Form der Pflege, was ja zu begrüßen wäre. Sie geht leider auch unweigerlich mit dem Verlust der Freiheit einher. Unter ungünstigen Voraussetzungen, wenn nämlich der Freiheitsverlust von den Patienten als genau dieser wahrgenommen wird, können sich die Krankheitssymptome auch verschlimmern.

 

Das Ergebnis scheint wenig sozial: Wo auf der einen Seite in zunehmendem Maße Toleranz herrscht – „Burnout“ muss ja inzwischen als Volkskrankheit gezählt werden, ohne das Ausmaß dieser Diagnose herunterspielen zu wollen – bestimmt auf der anderen Seite vor allem die Angst vor Gewalt, vor Kriminalität, vor unberechenbarem Verhalten, vor dem Anderssein den Umgang mit gleichermaßen psychischen Erkrankungen.

 

Auf diesem Weg funktioniert die Entstigmatisierung psychisch Kranker jedenfalls nicht. So nachvollziehbar der Wunsch des Menschen sein mag, Störendes nach Möglichkeit aus ihrem Umfeld zu verbannen, so notwendig ist auf der anderen Seite die Fähigkeit der Gesellschaft, genau solches auszuhalten und zu integrieren. Schon aus dem Grund, weil es für den einzelnen Betroffenen ansonsten Zwang und Unfreiheit bedeutet, wo Respekt und Akzeptanz die hilfreicheren Mittel wären.

Zuhören und Verstehen

Respekt und Akzeptanz können aber nur entstehen, wenn die alten Vorbehalte beiseitegelassen werden und stattdessen eine Auseinandersetzung mit der großen Thematik „psychische Erkrankung“ stattfindet. Dazu braucht es unter Umständen gar nicht viel. Den Betroffenen zuzuhören, das wäre ein erster wichtiger Schritt, um darüber zum Verstehen zu gelangen: Wer im Internet sucht, wird garantiert den einen oder anderen Blog finden, in dem Erkrankte über sich, über ihre Krankheit, über die Folgen für ihr Leben, ja über ihr Leben überhaupt schreiben.

 

Informationen aus erster Hand also. Die liefert beispielsweise das „Brunnenkind“ in seinem Blog und gibt dort Einblicke in das persönliche Empfinden oder auch in den Krankenhaus-Alltag. Oder zeigt einmal auf, worin etwa die wirkliche Gefahr einer Depressionserkrankung besteht. Ein anderes Beispiel ist Uwe Hauck, der nicht nur in seinem Blog Living the future, sondern in einem Buch („Depression abzugeben“) über seine Krankheit spricht. Was beide gemeinsam haben, ist der offensive Umgang mit ihrer Erkrankung.

Depression sieht man den Betroffenen nicht an, deshalb ist das Zuhören umso wichtiger.

 

Sicherlich ein guter Weg, denn letztlich braucht es die Offenheit von allen, um die Stigmatisierung zu beenden und gleichzeitig eine gute Möglichkeit für alle „Normalen“, sich vor Augen führen zu lassen, wie unterschiedlich psychische Erkrankungen selbst bei derselben Diagnose auf den Betroffenen wirken können.

Gegen die Stigmatisierung

In einer Gesellschaft, die sich für ihre Antidiskriminierungsbemühungen rühmt, die den Sozialstaat hochhält und auch ansonsten zu vielerlei Zugeständnissen in Sachen Individualität und Selbstbestimmung bereit ist – wie kann es da sein, dass manche Menschen immer noch mit einem Stigma leben müssen? Es ist genau dieser Widerspruch zwischen einer vermeintlich fortschreitenden Aufgeklärtheit und einer nicht zu übersehenden Furcht vor der Andersartigkeit, den es nicht nur im Umgang mit psychischen Erkrankungen aufzulösen gilt.

 

Dazu müssen alte Denkmuster überwunden werden, wie etwa die Sichtweise von „normal“ contra „verrückt“, ebenso wie überkommene Vorstellungen von den gewalttätigen Irren oder den mental Schwachen. Solche emotional aufgeladenen Reaktionen sind, und waren es im Grunde genommen auch nie, einfach nicht mehr zeitgemäß. Stattdessen muss eine rationale Auseinandersetzung mit der Thematik stattfinden, damit die Stigmatisierung aufhören kann.