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Johanniskraut – Wirksamkeit auf der Probe

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Was tun bei depressiver Verstimmung? Immer öfter fällt die Wahl auf pflanzliche Mittel wie Johanniskraut. Aber auch wenn es in der Wissenschaft viele Hinweise auf eine medizinische Wirkung gibt, ist die Anwendung dieser Heilpflanze nach wie vor umstritten. Ein Bericht über den aktuellen Wissensstand.

Die kalte Jahreszeit schlägt vielen Menschen aufs Gemüt: Der Tageslichtmangel in den Wintermonaten kann zu Müdigkeit, schlechter Laune und Konzentrationsstörungen führen. Gegen eine solche „Winterdepression und andere seelische Verstimmungen werden in den letzten Jahren pflanzliche Mittel immer beliebter – allen voran das Johanniskraut (Hypericum perforatum). Doch auch wenn es in der Wissenschaft viele Hinweise auf eine medizinische Wirkung gibt, ist die Anwendung der Heilpflanze nach wie vor umstritten.

Ein Blick in die Forschungsdatenbanken der Medizin zeigt, dass eine wahre Fülle von Studien existiert, die Johanniskraut-Extrakte auf ihre Wirksamkeit bei Depressionen und Stimmungsschwankungen testen. Zwei Forschergruppen aus den USA und Deutschland nahmen diese jetzt noch einmal genauer unter die Lupe und stießen dabei auf verblüffende Erkenntnisse.

Johanniskraut im Fokus weltweiter Studien

Insgesamt analysierten sie 66 Studien aus der ganzen Welt mit einem Probandenfundus von über 5000 Patienten, die alle an unterschiedlich schweren Formen einer Depression litten. Bemerkenswerterweise wurde eine große Anzahl dieser Forschungsarbeiten in Deutschland durchgeführt, was aber sicherlich auch durch die Popularität pflanzlicher Medikamente hierzulande zu erklären ist. Immerhin ist Johanniskraut in der Bundesrepublik seit einigen Jahren zur medizinischen Behandlung bestimmter psychischer Erkrankungen ärztlich zugelassen. Doch auch in anderen Ländern testete man die Pflanze, meist mit Dosierungen zwischen 500 und 1200 mg Hypericum-Extrakt pro Tag. Zum Vergleich zog man entweder bereits bewährte Anti-Depressiva heran oder stellte Johanniskraut einem nicht wirksamen Placebo gegenüber. In der Regel nahmen die Patienten ihre Medikamente zwischen vier und zwölf Wochen ein, in vier Fällen wurden sie auch nach Abschluss der Behandlung weiter beobachtet.

Kann die Pflanze synthetische Anti-Depressiva ersetzen?

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Die Ergebnisse sind so erstaunlich wie widersprüchlich. Bei milden und moderaten Depressionen konnten Extrakte der Pflanze bereits nach zwei, meist aber nach acht Wochen eine Wirkung erzielen. Johanniskraut schnitt in vielen Studien tatsächlich ebenso gut ab wie herkömmliche, synthetische Stimmungsaufheller. Jedoch kam es gerade bei der Behandlung schwerer seelischer Erkrankungen vor, dass das Johanniskraut zwar besser wirkte als bestimmte Psychopharmaka, aber keinen Vorteil gegenüber reinem Placebo zeigte.

Ist der Effekt also reine Einbildung? Die Antwort ist ein klares Nein. Laut aktuellen Forschungsergebnissen sind vermutlich drei verschiedene Stoffgruppen an der psychoaktiven Wirkung beteiligt. Die wichtigste Rolle spielen die sogenannten Phloroglucinole wie etwa das Hyperforin. Sie erschweren die Wiederaufnahme von durch Nervenzellen ausgeschütteten Botenstoffen im Kopf wie etwa Dopamin und Serotonin und führen ähnlich wie manche Antidepressiva zu einer veränderten Wirkung dieser Stimmungshormone. Zudem spricht viel für eine Beteiligung der im Johanniskraut reichlich enthaltenen Pflanzenfarbstoffen (Flavonoide), die für die klassische Rotfärbung der zerriebenen Blüten verantwortlich sind.

Fest steht jedoch auch, dass Johanniskraut-Extrakte nur wirken können, wenn sie auch die entsprechenden Inhaltsstoffe enthalten. Die Potenz der Heilpflanze hängt aber nicht nur von der Zubereitungsform ab, sondern auch von der Qualität der verwendeten Pflanzenteile. Dabei ist die Streubreite riesig: Forscher fanden beim Test verschiedener kommerziell erhältlicher Johanniskraut-Präparate einen fast zweihundertfachen Unterschied allein beim Inhaltsstoff Hyperforin. Aber auch eine standardisierte Herstellung nach einem entsprechenden Reinheitsgebot löst das Problem nicht – bisher weiß man einfach noch zu wenig über den genauen Wirkungsmechanismus der einzelnen Pflanzenstoffe.

Die Dosis macht‘s

Obwohl Johanniskraut-Produkte auch hierzulande zum Teil nur geringe Mengen bekannter Wirkstoffe enthalten, ziehen vor allem deutsche Studien ein relativ eindeutiges Fazit: Johanniskraut wirkt bei leichten bis mittelschweren Depressionen genauso gut wie trizyklische Antidepressiva und SSRIs und dies bei oft besserer Verträglichkeit. Auch gegenüber Placebo zeigt es in den meisten Studien einen moderaten Vorteil. Entscheidend sei jedoch die Dosierung, darüber sind sich die Forscher einig. Zwischen den in Drogerien erhältlichen einfachen Tee- und Pulverzubereitungen und den ärztlich verschriebenen Trockenextrakt-Präparaten liegen, medizinisch gesehen, Welten. Bis die Wissenschaft Johanniskraut vollständig verstanden hat, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Die Zeichen stehen aber gut, dass die Pflanze in Zukunft eine wichtige Rolle in der Behandlung psychischer Erkrankungen spielen wird.

Information zur Studie:
Studientitel
St John's wort for major depression.
Autor
Klaus Linde, Michael M Berner, Levente Kriston
Jahr
2008
Dauer
Versuchsdauer: 4 bis 12 Wochen
Durchfürendes Institut
Zentrum für naturheilkundliche Forschung, Technische Universität München, Deutschland
Auftraggeber
The Cochrane Collaboration
Studiendesign
Meta-Analyse von 29 Studien
Teilnehmerzahl
5489 Patienten
Information zur Studie:
Studientitel
Complementary and alternative medicine in the treatment of bipolar disorder--a review of the evidence.
Autor
Carmen Andreescua, Benoit H. Mulsanta, James E. Emanuela
Jahr
2008
Dauer
-
Durchfürendes Institut
The Advanced Center for Interventions and Services Research for Late-life Mood Disorders, Department of Psychiatry, University of Pittsburgh School of Medicine, United States
Auftraggeber
NIMH Grant MH069430
Studiendesign
Meta-Analyse von 37 Studien
Teilnehmerzahl
Keine Angaben
Quellen:
  • Linde, K., M. M. Berner, et al. (2008). "St John's wort for major depression." Cochrane Database Syst Rev(4): CD000448.
  • Andreescu, C., B. H. Mulsant, et al. (2008). "Complementary and alternative medicine in the treatment of bipolar disorder--a review of the evidence." J Affect Disord 110(1-2): 16-26.
Geschrieben von Redaktion am 13.11.2013