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Johanniskraut – Heilmittel oder Gift?

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Mit der Wirkung kommt die Nebenwirkung. Auch Johanniskraut besitzt ähnlich den etablierten Antidepressiva eine Reihe von unerwünschten Effekten, teilweise mit schweren Folgen für den Patienten. Doch wie gefährlich ist die Pflanze wirklich?

Schon seit vielen Jahren sind pflanzliche Mittel zur Behandlung von psychischen Leiden wie Stimmungsschwankungen oder Depressionen beliebt. Ähnlich den herkömmlichen Antidepressiva (Trizyklika, SSRIs) besitzen aber auch Phytopharmaka nicht selten eine Reihe von Nebenwirkungen. Gerade das Johanniskraut (Hypericum perforatum) beeinflusst den Körper auf eine Weise, die für den Patienten unter Umständen schwere Folgen haben kann. Doch wie gefährlich ist die Pflanze wirklich?

Man weiß aus vielerlei Studien, dass Johanniskraut bei manchen Personen die Bildung bestimmter Leber-Enzyme anregt. Diese sogenannten P450-Cytochrome (CYP) sind im Körper normalerweise für den Abbau fremder Stoffe und Gifte verantwortlich. Auch eingenommene Medikamente werden so nach einer Zeit unwirksam gemacht und entfernt. Bildet der Körper jetzt aber durch Einnahme von Johanniskraut-Präparaten vermehrt CYP, werden auch besagte Arzneimittel schneller eliminiert. Manchmal so schnell, dass sie ihre gewünschte Wirkung gar nicht erst entfalten können. Die Folgen dieser Interaktion können mitunter lebensgefährlich sein. Vor allem Blutgerinnungshemmer wie Vitamin-K-Antagonisten und die für Transplantatempfänger lebenswichtigen Immunsuppressiva sind betroffen, auch einige Antibabypillen-Präparate werden wahrscheinlich durch CYP abgebaut.

Kombinationstherapie birgt Risiken

Kurioserweise zeigt die Pflanze bei Antidepressiva eine zum Teil genau entgegengesetzte Wirkung. Da sowohl Johanniskraut als auch Psychopharmaka im Gehirn die Wiederaufnahme bestimmter Botenstoffe hemmen, kann es bei Kombinationstherapie beider Medikamentengruppen zu einer deutlichen Verstärkung der Wirkung kommen. Das hat nicht immer positive Folgen. Es gibt eine kleine Anzahl von Fallberichten, bei denen die Therapie mit Johanniskraut bei depressiven Patienten vorübergehend zur Entwicklung einer Manie führte, dem psychiatrischen Gegenteil einer Depression. Vor allem Patienten über 50 Jahren sind davon betroffen, weshalb man vermutet, dass dabei auch altersbedingte Stoffwechselveränderungen sowie die mit dem Alter zunehmende Empfindlichkeit des zentralen Nervensystems eine Rolle spielen.

Der Praxistest

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Angesichts der Fülle an möglichen Nebenwirkungen erstaunt es, dass Johanniskraut in Deutschland ärztlich zugelassen ist. Im klinischen Alltag schlägt sich die Pflanze aber viel besser als vermutet. Eine Forschungsgruppe aus München analysierte unter dieser Fragestellung 35 Studien mit insgesamt mehr als 35.000 Patienten. Sie verglichen, wie oft unter Johanniskraut- oder Antidepressiva-Therapie Nebenwirkungen auftraten und wie viele Patienten dadurch eventuell die Behandlung abbrechen mussten. Und siehe da: In allen Tests wurden Johanniskraut-Präparate von den Patienten erheblich besser vertragen als ältere trizyklische Antidepressiva und selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Auch im Vergleich mit wirkungslosen Placebos zeigte Johanniskraut keinen messbaren Nachteil hinsichtlich der Nebenwirkungen. Ein Blick auf die Zahl der abgeschlossenen Behandlungen offenbart zudem, dass nie mehr als fünf Prozent der Patienten die Therapie aufgrund von Nebenwirkungen unterbrechen mussten. Schwere Nebenwirkungen oder Interaktionen wurden von den Forschern nicht beobachtet.

Zur Frage, ob die Verwendung von Johanniskraut auch während einer Schwangerschaft sicher ist, existieren nur wenige Studien. Hier besteht dringender Nachholbedarf, schließlich wurde die Pflanze laut historischer Quellen einst auch als Abtreibungsmittel genutzt. Daneben ist die Depression eine auch bei jüngeren Frauen häufige Erkrankung und nicht selten wird eine Schwangerschaft erst nach einigen Wochen entdeckt. Frühe Studien geben aber Entwarnung. Weder kam gab es unter Johanniskraut-Therapie zu Fehlgeburten, noch zu Fehl- oder Missbildungen der Embryos, zumindest nicht über den in der Normalbevölkerung üblichen Zahlen.

 

Fazit

Nach derzeitigem Wissensstand wird Johanniskraut als gut verträglich und sicher in der Anwendung angesehen, solange die Behandlung von einem Arzt betreut wird, der sich der potenziellen Risiken der Pflanze bewusst ist. Aufgrund der Vielzahl möglicher Medikamenten-Interaktionen warnen Mediziner aber ausdrücklich vor einer leichtfertigen Selbsttherapie. Auch wenn Johanniskraut-Präparate weniger Nebenwirkungen besitzen als herkömmliche Antidepressiva, sollten vor allem ältere Patienten aufgrund der möglicherweise auftretenden Manie intensiv beobachtet werden. Insgesamt lässt sich aber eine klare Empfehlung für die Heilpflanze aussprechen, denn gerade hinsichtlich seiner antidepressiven Wirkung zeigt sich Johanniskraut ausgesprochen vielversprechend.

Information zur Studie:
Studientitel
Evaluating the safety of St. John's Wort in human pregnancy.
Autor
Moretti M., Maxson A. , Hanna F. und Koren G.
Jahr
2009
Dauer
-
Durchfürendes Institut
Division of Clinical Pharmacology & Toxicology, The Hospital for Sick Children, 555 University Avenue, Toronto, ON, Canada
Auftraggeber
The Motherisk Program
Studiendesign
Fall-Kontroll- und Feldstudie
Teilnehmerzahl
120 schwangere Patientinnen
Information zur Studie:
Studientitel
Adverse effects of St. John's Wort: a systematic review.
Autor
Knüppel L, Linde K.
Jahr
2004
Dauer
-
Durchfürendes Institut
Zentrum für naturheilkundliche Forschung, Technische Universität München, Deutschland
Auftraggeber
-
Studiendesign
Meta-Analyse von 35 randomisierten, doppel-blinden Studien
Teilnehmerzahl
35.562 Patienten
Quellen:
  • Knuppel, L. and K. Linde (2004). "Adverse effects of St. John's Wort: a systematic review." J Clin Psychiatry 65(11): 1470-1479.
  • Moretti, M. E., A. Maxson, et al. (2009). "Evaluating the safety of St. John's Wort in human pregnancy." Reprod Toxicol 28(1): 96-99.
Geschrieben von Redaktion am 11.03.2014