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Tinnitus – die unterschätzte Volkskrankheit

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Ein Piepen im Ohr hatte jeder schon einmal. Normalerweise verschwindet es nach einer gewissen Zeit von selbst, doch oft bleibt es und entwickelt sich zur unerträglichen Qual. Und das kommt gar nicht so selten vor – allein in Deutschland sind rund 11 Millionen Menschen davon betroffen. Die Charité in Berlin hat für solche Fälle ein Tinnituszentrum eingerichtet, das ein breites Spektrum zur Behandlung der Ohrgeräusche anbietet. Frau Prof. Dr. Birgit Mazurek ist Leiterin dieses Zentrums und zudem Vorsitzende der Deutschen Tinnitus-Stiftung Charité. Sie warnt vor einer rasanten Zunahme an Krankheitsfällen.

DocJones: Frau Prof. Dr. Mazurek, wie lange beschäftigen Sie sich schon mit Tinnitus, und wie sind Sie auf dieses spezielle Thema gekommen?

Mazurek: Seit mehr als 15 Jahren, und das wie immer im Leben eher durch einen Zufall. Damals war die Tinnitusbehandlung noch wenig entwickelt, aber es gab viele Patienten mit einem hohen Leidensdruck. Mein damaliger Chef beauftragte daher mich, mich der Tinnitusbehandlung anzunehmen. Daraus entwickelte sich mein Interesse, die Behandlung des Tinnitus durch wissenschaftliche Forschung zu verbessern, und das ist uns auch gelungen. 2001 wurde das Tinnituszentrum an der Charité gegründet, dessen Direktorin ich bin.

Was macht dieses Zentrum so besonders?

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Wir haben ein großes Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten zu bieten, bestehend aus einer Ambulanz, wo Diagnostik, Beratung und Therapie erfolgen – sowohl im akuten als auch im chronischen Stadium. Wir haben eine Tagesklinik, wo Patienten wohnortnah ambulant betreut werden können. Wir haben zudem einen stationären Bereich für Patienten, die einem zu hohen Leidensdruck ausgesetzt sind und nicht mehr ambulant behandelt werden können. Darüberhinaus gibt es ein großes Forschungslabor, wo sowohl molekularbiologische Grundlagen als auch psychometrische und psychologische Studien – im Tierexperiment und human – durchgeführt werden. So kann man das gewonnene Wissen aus der Forschung direkt für die Patienten nutzbar machen und auch umgekehrt von den Patienten lernen, die Tinnitustherapie zu verbessern.

Welche Behandlungsmöglichkeiten bieten Sie am Tinnituszentrum an?

Man muss zuallererst das akute vom chronischen Stadium unterscheiden. Im akuten Stadium steht nach wie vor die Verbesserung der Durchblutung an erster Stelle, entweder mit Kortison oder einer Infusionstherapie. Auch hier sollte schon mit einer darüber hinausgehenden Diagnose begonnen werden, um eventuelle weitere Ursachen zu finden. Im chronischen Stadium, d.h. ab drei Monaten, verfolgen wir eine Umlernstrategie. In der sogenannten „Tinnitus-Retraining-Therapie“ lernen die Patienten, besser mit dem Ohrgeräusch umzugehen. Die Behandlung besteht aus vier Bausteinen:Councelling (auf deutsch: Aufklärung, Beratung und Führung), psychologische Betreuung Erlernung von Entspannungstechniken und viertens eine eventuelle Versorgung mit Hörgeräten. Der Vorteil ist, dass die Retraining-Therapie, die sich um 2005 etabliert hat, weltweit funktioniert. Sie ist ein gutes Therapieverfahren, um den Leidensdruck der Betroffenen zu reduzieren.

Können Sie den Tinnitus nicht durch entgegengesetzte Schalltöne ausschalten?

Es gibt momentan einige Studie zu diesem Thema, aber die Datenlage ist recht widersprüchlich. Auch beim letzten internationalen Tinnituskongress konnte keine Einigkeit dazu erreicht werden. Das ist alles noch Gegenstand der Forschung. Persönlich bin ich eher zurückhaltend, weil gerade diese sogenannte akustische Hirnstimulation zu einer Verschiebung der Tinnitusfrequenz in andere Bereiche führt, die der Patient nicht vorher festlegen kann, was genauso störend ist.

Bieten Sie auch naturheilkundliche und alternative Verfahren im Tinnituszentrum an?

Nicht generell. Ich habe zwar naturheilkundliche Kenntnisse, aber man muss ganz klar sagen, dass die Beratung und die konventionellen Therapien wie die Retraining-Therapie im Vordergrund stehen. Man muss individuell festlegen, welche alternative Heilmethode bei einem Patienten Sinn machen würde, beispielsweise die Bachblütentherapie. Es gibt bisher auch keine Studien, die einen Wirksamkeitsnachweis von naturheilkundlichen Behandlungsverfahren geliefert haben.

Neben Ihrer Arbeit an der Charité sind Sie außerdem Vorstandsvorsitzendeder Deutschen Tinnitus-Stiftung Charité. Was wollen Sie mit der Stiftung erreichen?

Das Ziel ist breit angelegt. Wir möchten natürlich die Öffentlichkeit auf dieses Thema aufmerksam machen. Wir reden sehr viel über Schlaganfall, Diabetes und Bluthochdruck. Aber dass im Prinzip jeder von uns einmal Hörstörungen mit Tinnitus im Laufe seines Lebens erleidet, wird kaum thematisiert!

Wie häufig ist das ungefähr, können Sie das beziffern?

Man sagt, dass um die 295 Millionen Menschen weltweit an Hörstörungen leiden und ca. 1/3 davon, d.h. rund 100 Millionen Menschen Tinnitus haben. Für Deutschland spricht eine Studie von 11 Millionen Menschen mit Hörstörungen. Man muss hinzufügen, dass sich infolge des Tinnitus weitere Krankheiten wie Schlaf- und Konzentrationsstörungen und Depressionen entwickeln können, das kann sogar bis hin zum Suizid führen!.

Zurück zu den Zielen der Stiftung...

Natürlich wollen wir die Tinnitus-Forschung voranbringen. Deshalb werben wir finanzielle Mittel ein. Selbstverständlich ist uns auch die Förderung der wissenschaftlichen Kommunikation zur Beschleunigung der Erkenntnisse wichtig. Und nicht zuletzt liegen uns auch präventive Aspekte sehr am Herzen.

Eine Ursache für Tinnitus ist Lärm in allen möglichen Variationen, nicht nur Arbeitslärm, sondern auch Freizeitlärm. Deshalb haben wir zunehmend Kinder und Jugendliche, die ausgeprägte Hörstörungen aufweisen und auch Tinnitus haben. Wir sind auf Musikfestivals präsent, um die Besucher über den notwendigen Schutz ihrer Ohren aufzuklären, es ist schon erstaunlich, wie wenig Gefährdungs-Bewusstsein vorhanden ist! Wir bilden jetzt auch Ehrenamtliche aus, damit wir unsere Präsenz verstärken können, Volunteers aus dem medizinischen Bereich sind hochwillkommen! Darüber berichten wir ausführlich auch auf unserer Website (www.deutsche-tinnitus-stiftung-charite.de). Und natürlich können Sie uns inzwischen auch auf facebook besuchen. Was immer Sie tun können, um auf diese Adressen aufmerksam zu machen, sollten Sie freundlicherweise tun!

Sie haben in Bezug auf Jugendliche wirklich eine Steigerung feststellen können?

Definitiv. Die iPads sind beispielsweise nicht begrenzt von der Lautstärke, die Clubs nach wie vor auch nicht. Es gibt Studien, die sagen, dass die 16-Jährigen im lauten Musikkonsum bei 16 Stunden pro Woche liegen. Letztendlich muss man sich klarmachen, dass Hörstörungen ab 85 dB anfangen, im Club wird aber erst ab 100 dB aufgelegt, was im Laufe des Abends oft noch gesteigert wird, da man sich an die Lautstärke gewöhnt. Auch Alkohol und Schlafmangel spielen eine Rolle. Wir konnten durch unsere Präventionskampagnen feststellen, dass sich die Jugendlichen durchaus vor zu viel Lärm schützen möchten, unsere Gehörschutzstöpsel finden reißenden Absatz!

Wie gehen Sie eigentlich selber mit Ihren Ohren um? Sind Konzerte und MP3-Player tabu?

Ich gehe nicht mehr in Clubs (lacht). Ich schütze meine Ohren logischerweise, natürlich gehe auch mal auf das eine oder andere Konzert und auch zum Tanzen, aber ich habe normalerweise immer einen Hörschutz dabei und stelle mich auch nie direkt vor die Lautsprecher.

Anfang des nächsten Jahres findet das 11. Internationale Tinnitus Seminar in Berlin statt, dessen Präsidentin Sie sind. Was versprechen Sie sich davon?

Das ist ein weltweiter Kongress, der alle vier Jahr ausgetragen wird. Er hat eine relativ lange Tradition, und wir sind stolz, dass wir ihn wieder nach Deutschland holen konnten. Es werden diesmal rund 2000 Forscher, Kliniker und Diagnostiker erwartet, die sich mit dem Thema Tinnitus auseinandersetzen, nach neuen Behandlungsmöglichkeiten suchen und auch die Erkenntnisse der Grundlagenforschung bewerten.

Wie ist denn der aktuelle Stand der Forschung? Welche Therapien oder Medikamente können wir in Zukunft erwarten?

Man geht derzeit davon aus, dass die Ursachen von Tinnitus innerhalb des Gehirns als auch direkt im Ohr lokalisiert sind. Meist fängt die Krankheit über eine Schädigung der Hörzellen an, die dann zu Veränderungen der Nervenzellkommunikation führt. Auch das limbische System spielt eine große Rolle, da dort festgelegt wird, ob man das Ohrgeräusch wahrnimmt und es als belästigend interpretiert. In diese Richtung geht die aktuelle Forschung.

Man sagt, dass den Regionen des Nucleus accumbens und des Thalamus besondere Bedeutung zukommt, ob ein Patient an Ohrgeräuschen leidet. Mithilfe der Grundlagenforschung möchten wir herausfinden, ob dafür bestimmte Veränderungen von Genen oder Proteinen verantwortlich sind, die man vielleicht beeinflussen kann. Ein anderer Bereich der Grundlagenforschung beschäftigt sich mit der Regeneration von Hörzellen, z.B. unter Zuhilfenahme von Viren oder Stammzellen. Tierexperimente dazu laufen bereits, aber wir sind noch weit von der Anwendung am Menschen entfernt.

Weiterhin gibt es eine Reihe von Stimulationsansätzen, wie die Neurostimulation, wobei sich diese, um es vorsichtig zu sagen, noch im experimentellen Stadium befindet. Langfristige und durchgreifende Effekte sind bisher noch nicht zu sehen. Schließlich gibt es noch medikamentöse Ansätze, die Wirkung der Neurotransmitter zu verändern. Doch hier besteht das Problem, die genaue Dosis zu finden, um die Arbeit des Gehirns nicht zu verändern. Das ist bis jetzt noch nicht wirklich gelungen, denn. meistens haben diese Medikamente relativ hohe Nebenwirkungen. Man muss schauen, welche Daten die nächsten Studien dazu bringen. Ein anderer Aspekt wäre, die Vernetzung der Nervenzellen durch Medikamente zu fördern.

Aber neue Therapien können wir in den nächsten 5 bis 10 Jahren nicht erwarten?

Momentan ist Tinnitus nicht heilbar. Man kann schwer Prognosen abgeben, aber ich denke, dass wir immer besser verstehen werden, welche Regionen im Gehirn für den Leidensdruck verantwortlich sind. Diese gezielt zu beeinflussen, ist sicherlich der Traum vieler Tinnitus-Forscher.

Wie vielen Patienten können Sie durch die Tinnitus-Retraining-Therapie helfen?

Es sind etwa 80 bis 85% der Patienten die eine deutliche Minderung der Beschwerden aufweisen. Wir konnten auch zeigen, dass selbst nach 5 Jahren dieser positive Effekt noch bestehen bleibt.

Was raten Sie Patienten, die an Tinnitus leiden und denen bisher nicht geholfen werden konnte?

Die Tinnitusbehandlung setzt sich aus einer interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Psychologen, Orthopäden, Neurologen und HNO-Ärzten zusammen. Angesichts der Komplexität wäre Das kann ein einzelner Arzt überfordert. gar nicht alles schaffen. Ich würde daher raten, sich immer in eine spezialisiertes Zentrum zu begeben.

Vielen Dank für das Interview
  • Interview mit Prof. Dr. med. Birgit Mazurek, Leiterin des Tinnituszentrums der Charité und Vorstandsvorsitzende der Deutschen Tinnitus-Stiftung Charité. Berlin, 22.08.2013
 
Dr. med. Tim Hollstein
Geschrieben von Dr. med. Tim Hollstein , Arzt
Zuletzt aktualisiert am 06.09.2013