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Wenn die Liebe zum Essen nicht mehr durch den Magen geht: Lebensmittelunverträglichkeiten und Allergien

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Gutes Essen ist eigentlich ein Grund zur Freude. Eigentlich. Für manche Menschen stellen aber selbst die feinsten Speisen ein Problem dar. Grund hierfür sind Unverträglichkeiten oder Allergien, die den „Genuss“ bestimmter Lebensmittel zu einer unangenehmen Erfahrung machen.

Essen als Belastung

Die Zahlen sind grundsätzlich nicht so dramatisch, wie es die mediale Aufbereitung des Themas Lebensmittelunverträglichkeiten oder die immer größere Zahl von „frei von“-Produkten, die auf die problematischen Inhaltsstoffe verzichten, suggerieren: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung geht von einem Bevölkerungsanteil zwischen 1 bis 2 Prozent aus, der tatsächlich unter einer Allergie in Bezug auf Lebensmittel leidet. Bei Lebensmittelunverträglichkeiten liegt die Zahl der Betroffenen mit 15 bis 20 Prozent deutlich höher.

 

Inzwischen fürchtet jedoch ein gutes Drittel der Deutschen, Opfer einer Unverträglichkeit oder Allergie zu sein. Ein Großteil verzichtet daher schon prophylaktisch auf verschiedene Lebensmittel – was aber nur für eine relativ geringe Gruppe wirklich notwendig wäre. Eine Studie des Martkforschungsinstituts targeted! bescheinigt 66 Prozent der Befragten eine „Schein“-Betroffenheit, die den Verzicht bei der Ernährung gar nicht brauche.

 

Das wiederum dürfte die tatsächlich Betroffenen kaum interessieren. Ihre Beschwerden sind Realität, das Vermeiden der auslösenden Lebensmittel oftmals die einzige Möglichkeit. Für sie ist es eine Erleichterung, zu Produkten greifen zu können, die ihre Bedürfnisse berücksichtigen – schließlich sollte Essen vieles sein, aber eine Belastung wahrlich nicht.

Das Kind beim (richtigen) Namen nennen

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Wichtiger als die Unterscheidung zwischen wirklich und nur scheinbar Betroffenen ist die zwischen Allergie und Intoleranz. Auch wenn seit einiger Zeit gerade letztere eine erhöhte Aufmerksamkeit bekommen, muss nicht alles, was einem nach dem Essen Beschwerden verursacht, gleich eine Unverträglichkeit sein.

Es ist nicht alles eine Unverträglichkeit, was Beschwerden verursacht

Professor Joachim Erckenbrecht, Chefarzt für Innere Medizin im Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf, weist im Interview deshalb darauf hin, dass auch der übermäßige Verzehr von Ballaststoffen dieselben Symptome hervorrufen kann wie Intoleranzen. Blähungen und Bauchschmerzen müssen also mitnichten die Vorboten einer hereinbrechenden Lebensmittelunverträglichkeit sein. In vielen Fällen dürfte es ausreichen, den Anteil der ballaststoffreichen Kost zu reduzieren, bis zu dem Grad, mit dem der Körper zurechtkommt. Wer sich jetzt darüber freut, DAS Argument gegen den leidigen Konsum von Obst und Gemüse gefunden zu haben – das ist ein Trugschluss.

„Mein Eindruck ist, dass gerade dieser Teil der Bevölkerung zunimmt, der besondere Sorgen wegen seiner Beschwerden hat oder die Beschwerden als belästigend empfindet. Tatsächlich gibt es weniger Lebensmittelunverträglichkeiten als vermutet.“

Zum einen weil es nur um die Menge geht, zum anderen weil mit frischen Obst- und Gemüsesäften genauso vitaminreiche, aber ballaststoffärmere Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Erschwerend zu den Ursachen kommt die begriffliche Konfusion hinzu. Sowohl Allergien als auch Intoleranzen fallen unter den Oberbegriff der Lebensmittelunverträglichkeiten, der wiederum häufig genug synonym für die Lebensmittelintoleranzen angewendet wird.

Ein weites Feld

Die terminologische Unschärfe setzt sich meistens bei der Einschätzung der Folgen fort, weil – wie schon gesagt – die Symptome weitgehend ähnlich sind. Beschwerden wie

  • Schwellungen im Mund- und Nasen-Rachen-Raum,
  • das Anschwellen der Zunge,
  • Übelkeit und Erbrechen,
  • Durchfall,
  • Juckreiz,
  • Nesselsucht,v
  • atopische Ekzeme,
  • Arthritis,
  • Atemnot und
  • Kreislaufversagen

treten nun einmal in beiden Fällen auf, so dass im Grunde genommen erst ein Test wirklich Klarheit darüber verschaffen kann, welches Krankheitsbild genau vorliegt. Denn anders als die Beschwerden sind die Ursachen durchaus unterschiedlich. Bei Intoleranzen fehlt es an den notwendigen Enzymen – entweder gänzlich oder im notwendigen Maße –, die es für die Verdauung bestimmter Lebensmittel (oder genauer: bestimmter Bestandsteile dieser Lebensmittel) bräuchte.

 

Käsegenuss trotz Laktoseintoleranz? Anders als bei einer Allergie ist das in entsprechend wohldosierten Mengen immer noch möglich.

Allergiker hingegen entwickeln gegen Nahrungsmittel Antikörper, die schon bei der Aufnahme geringer Mengen allergische Reaktionen hervorrufen. Im Unterschied zu Betroffenen von Intoleranzen bedeutet das für Allergiker zwingend den vollständigen Verzicht auf potenziell gefährliche Produkte. Mit einer Lebensmittelintoleranz ist es aber oft möglich, wenigstens geringe Mengen oder Produkte mit einem niedrigen Gehalt des auslösenden Stoffes zu konsumieren – meist sogar beschwerdefrei.

 

Das liegt auch daran, dass die Liste der Auslöser von (bislang bekannten) Intoleranzen vergleichsweise überschaubar ist. Die Liste mag zwar von Zeit zu Zeit ergänzt werden (was beispielsweise im Falle von Zusatzstoffen wie Konservierungs-, Farb- oder Aromastoffen nicht ganz unumstritten ist), aber für Allergiker besteht dennoch ein potenziell größeres Risiko: Nicht nur dass prinzipiell jedes Lebensmittel als Auslöser allergischer Reaktionen in Betracht kommt. Selbst bei Allergien ohne direkten Zusammenhang mit einem Nahrungsmittel können sogenannte Kreuzallergien genau dazu führen. Die Ähnlichkeit von Pollenallergenen zu Nahrungsmittelallergenen – etwa Obst, Gemüse oder Nüsse – kann auf Dauer zu einer Ausweitung der ursprünglichen Allergie führen.

Moderne Klassiker und Exoten

Allerdings geht es hier ja nicht um einen Wettstreit darüber, wessen Beschwerden die schlimmeren sind. Einschränkungen bedeuten schließlich sowohl Allergien als auch Intoleranzen. Besteht die Unverträglichkeit zudem nur gegen bestimmte Bestandteile der Nahrungsmittel, ist die Identifikation zudem auch nicht ganz unkompliziert. Denn die Bandbreite der unverträglichen Stoffe reicht von Klassikern, wie man manche mittlerweile nennen kann, bis hin zu eher ungewöhnlichen Kandidaten, die vielleicht ganz unvermutet daherkommen.

Die Milch macht’s – manchmal eben nicht

Milch ist ein unglaublich wertvolles Lebensmittel, vor allem als Eiweiß- und Kalzium-Lieferant. Ganz abgesehen davon, dass sich aus Milch die köstlichsten Produkte herstellen lassen, was nicht nur für Käseliebhaber eine Freude ist. Weniger erfreulich: Das Problem mit dem Milchzucker. Mit einer Betroffenenquote von rund 15 Prozent gehört Laktose-Intoleranz zu den verbreiteteren Unverträglichkeiten in Deutschland. Wer unter dem Fehlen des Enzyms Laktase (oder dessen fehlender Aktivität) leidet, wird Milch und Milchprodukte daher bestenfalls in geringfügigen Dosen konsumieren können. Weil der Milchzucker unter diesen Voraussetzungen unverändert in den Dickdarm gelangen kann, drohen Magen-Darm-Beschwerden verschiedener Art. Dagegen kann medikamentös vorgegangen werden – oder im Trial-and-Error-Prinzip, um herauszufinden, ab welchen Mengen der Verzehr unangenehm wird.

 

Milch ist gesund, aber gerade bei Kindern auch der Nummer-1-Auslöser für Laktose-Intoleranz – allerdings nicht zwingend auf Dauer.

Etwas komplizierter wird es, wenn der Auslöser nicht der Milchzucker, sondern das Milcheiweiß ist. Vor allem bei Kindern sorgt das Casein für die Reaktionen des Immunsystems, insbesondere das in Kuhmilch enthaltene. Diese Form der Unverträglichkeit ist allerdings eine Allergie, die einen Verzicht auf Milcheiweiß erfordert – jedenfalls bis zum Schulalter, denn dann klingt die Milcheiweißallergie oft wieder ab.

Dann sollen sie eben Kuchen essen

Ebenfalls zum „Klassiker“, wenn man so möchte, hat es die Gluten-Intoleranz geschafft. Wobei sie so klassisch wiederum gar nicht ist, ganz im Gegenteil: Zöliakie ist weder eine Allergie noch eine

Unverträglichkeit im Sinne fehlender Enzyme, sondern in erster Linie eine chronische Erkrankung der Darmschleimhaut. Die reagiert auf das Klebereiweiß Gluten höchst ungehalten und zwingt dadurch das Immunsystem zum Eingreifen. Die Aufnahme von Gluten endet daher mit einer Entzündung der Schleimhaut, die daraus resultierenden Folgen können allerdings durchaus unterschiedlich schwer ausfallen. Der einzige Weg, die drohenden Beschwerden zu vermeiden, ist der konsequente Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel – der sich im Übrigen nicht allein auf Weizenprodukte beschränkt. Gluten ist, was nicht vergessen werden sollte, auch in anderen Getreidesorten enthalten. Und selbstverständlich ist es keine Alternative, statt zum Brot zum Kuchen zu greifen.

 

 

Müsli mit frischen Früchten – bei Fruktose-Intoleranz ist der Frühstücks-Klassiker bestenfalls bedingt eine Option.

In den sauren Apfel beißen

Etwas weniger bekannt, aber kaum weniger verbreitet als die Unverträglichkeiten von Gluten und Laktose ist die Intoleranz gegenüber Fruchtzucker. Tatsächlich wird es sogar noch spezieller, da zwischen der Fruktose-Malabsorption und der Fruktose-Intoleranz unterschieden werden muss:

  • Bei der Malabsorption ist das Transportsystem im Darm gestört, das heißt der Fruchtzucker wird vom Dünndarm nicht richtig aufgenommen und gelangt so in den Dickdarm.
  • Die hereditäre Fruktose-Intoleranz hingegen ist ein angeborener Enzymdefekt, der zum weitgehenden, aber keineswegs vollständigen Verzicht auf fruchtzuckerhaltige Lebensmittel zwingt.
Anstoßen ohne Reue – das liegt nicht unbedingt nur an der getrunkenen Menge, sondern auch an der individuellen Histamin-(Un)Verträglichkeit.

 

Grundsätzlich gilt übrigens für alle Menschen eine natürliche Obergrenze für Fruchtzucker, die durch die Aufnahmekapazitäten des verantwortlichen Transporteiweißes definiert ist. Bei rund einem Drittel der Deutschen ist dieses System soweit eingeschränkt, dass selbst kleinere Mengen Fruktose für Probleme sorgen können. Mit einer Ernährungsumstellung – die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass besonders fruchtzuckerreiche Lebensmittel (allen voran Trockenfrüchte, Obstsäfte, Äpfel und Honig) gemieden werden – können sonst auftretende Beschwerden umgangen werden. Je nach Schwere der Unverträglichkeit ist ein Genuss in Maßen aber durchaus denkbar.

Wenn die Zeit reif ist

Als schwieriger Fall erweist sich die Histamin-Unverträglichkeit und das in mehrfacher Hinsicht.

  • Zum einen, weil wenigstens ihre Ursache Bestandteil kontroverser Diskussionen ist: Histamin ist sowohl ein körpereigener Botenstoff als auch in verschiedenen Lebensmitteln enthalten, hauptsächlich in gereiften oder über längere Zeiträume gelagerten Produkten. Zu Beschwerden kann also der unvollständige Abbau des aufgenommenen Histamins führen, genauso möglich ist aber auch eine Reaktion auf Nahrungsmittel, die selbst frei sind von Histamin.
  • Zum anderen ist auch die Bandbreite der Symptome weit gefächert, Kopfschmerzen und Migräne können ebenso auftreten wie Magen-Darm-Probleme, Herzrasen oder Nesselsucht.
  • Erschwerend kommt hinzu, dass der Histamingehalt von Lebensmitteln mindestens genauso weit schwanken kann. Er ist von verschiedenen Faktoren abhängig: Bei Salami beispielsweise spielt die Lagerungsdauer eine Rolle, bei Wein die Kombination aus Säuregehalt, Rebsorte und Gärungsprozess.
Süße Verlockung: (Haushalts-)Zucker findet sich aber nicht nur in den üblichen Verdächtigen, sondern in einer Vielzahl verarbeiteter Lebensmittel.

Aus diesen Gründen ist der Nachweis entsprechend kompliziert, oft ist hierzu ein Ausschlussverfahren notwendig. Schließlich können die Beschwerden unter Umständen auch von Problemen bei der Kohlehydratverwertung herrühren.

Der ist nicht süß

Das ist zugegebenermaßen eine Lüge. Immerhin geht es hier um Saccharose, also den berühmt-berüchtigten Haushaltszucker. Der nun einmal gar nichts anderes ist außer süß, jedenfalls für die Geschmacksknospen.

 

Für den restlichen Körper hingegen sieht das schon wieder anders aus, nicht zuletzt deshalb, weil der eigentlich gar nicht darauf eingestellt ist, größere Mengen Zucker zu verarbeiten. Dass dieser durch die industrielle Herstellung im Übermaß verfügbar geworden und inzwischen in so gut wie jedem industriell verarbeiteten Lebensmittel anzutreffen ist – keine besondere Hilfe.

 

Allerdings ist der Prozentsatz derjenigen, die von einer Unverträglichkeit gegen Haushaltszucker betroffen sind, verschwindend gering: Er liegt europaweit bei gerade einmal 0,02 Prozent. Der große Rest, der jetzt womöglich erleichtert aufatmet, sollte dennoch der Allgegenwart des Zuckers innerhalb der modernen Lebensmittelindustrie mit der gebotenen Skepsis begegnen. Diejenigen, die einen Saccharasedefekt geerbt haben, müssen gezwungenermaßen kritisch sein.

Kinder tragen ein erhöhtes Risiko für Lebensmittelunverträglichkeiten – allerdings können diese auch wieder verschwinden.

Denn die Therapie besteht in erster Linie im Verzicht auf Zucker in den meisten seiner Erscheinungsformen. Das bedeutet gleichzeitig eine notwendige Zurückhaltung bei einer großen Vielzahl an Lebensmitteln – und zwar nicht nur bei den üblichen Verdächtigen aus der Süßwarenabteilung, sondern auch bei Getränken, Fertiggerichten und sogar einigen Obstsorten. Wobei Einfachzucker wie eben Fruktose, Glukose und Laktose allgemeinhin eine Alternative zum unverträglichen Zweifachzucker darstellen.

 

Hinweis: Saccharose-Intoleranz ist auf zweierlei Ursachen zurückzuführen – die primäre Form ist der Gendefekt samt fehlerhafter Enzyme; die sekundäre Form geht zurück auf eine gereizte oder entzündete Darmschleimhaut. Das entspricht dem Krankheitsbild der Zöliakie, in deren Folge die nicht genetisch bedingte Zuckerunverträglichkeit auftreten kann.

Zwischen Unbeschwertheit und Überreaktion: Leben mit der Unverträglichkeit

Egal wie viel Verwunderung die plötzliche Vermehrung von Lebensmittel für Allergiker und Betroffene von Unverträglichkeiten bei gesunden Verbrauchern auch hervorrufen mag – für diese Menschen ist das Leben mit ihrer Erkrankung nun einmal eine Tatsache. Mit der auf unterschiedliche Weise umgegangen werden kann.

Von Kindesbeinen an

Die schlechte Nachricht bezüglich Kindern und Säuglingen: Sie leiden häufiger an Lebensmittelallergien als Erwachsene (3 bis 7 Prozent im Vergleich zu 1 bis 2 Prozent), was auch mit einem erhöhten Risiko der genetischen Vererbung zusammenhängt. Ist ein Elternteil Allergiker steigt die Wahrscheinlichkeit um das Doppelte, betrifft die Allergie beide Elternteile sogar um das Vier- bis Sechsfache.

 

Da ist es eine umso bessere Nachricht, dass ein Großteil der betroffenen Kinder ihre Allergie spätestens bis zum Schulalter hinter sich gelassen hat. Das gilt für alle Lebensmittel, die in diesen jungen Jahren als Auslöser in Frage kommen – Kuhmilch, Hühnerei, Fisch, Soja, Weizen oder Nüsse können nach ein paar Jahren völlig unproblematisch sein (was jedoch das Auftreten anderer Allergien nicht ausschließt). Äußerst selten sind zudem Reaktionen auf verschiedene Lebensmittel gleichzeitig. Ansonsten gibt es Möglichkeiten der Vorbeugung:

  • An erster Stelle ist die Muttermilch zu nennen, die in den ersten 4 bis 6 Monaten gewissermaßen der Hypersensibilisierung dienen kann. Das körpereigene Eiweiß, das die Muttermilch hauptsächlich enthält, stellt für den Säugling nämlich kein Problem dar. Das ebenfalls enthaltene Fremdeiweiß (aus der Nahrung, die die Mutter selbst zu sich nimmt), macht hingegen einen so geringen Anteil aus, dass sich das Immunsystem des Babys langsam daran gewöhnen kann.
  • Verzicht? – Nein, danke! Gerade Lebensmittelunverträglichkeiten erfordern einen umso abwechslungsreicheren Speiseplan.
  • Hypoallergene Säuglingsnahrung hingegen ist ein weitaus weniger erfolgversprechendes Mittel. Das im Hydrolyseverfahren gespaltene Milcheiweiß, das die Grundlage der hypoallergenen Nahrung darstellt, kann das Allergierisiko zwar senken – die Wirksamkeit ist aber je nach Verfahrensweise recht unterschiedlich und sollte eine Bestätigung durch klinische Studien vorweisen können.

Jetzt erst recht!

Die gängige Therapieform für ziemlich jede Lebensmittelintoleranz oder –allergie ist der schlichte Verzicht auf die entsprechenden Nahrungsmittel. Das ist für die Betroffenen nicht unbedingt die befriedigendste Lösung, ganz zu schweigen von den möglichen Schwierigkeiten bei der Erstellung eines Speiseplans. Insbesondere dann, wenn er nicht nur für eine einzelne Person gilt. Notwendige Einschränkungen einerseits und der Verzicht auf Genuss beim Essen andererseits sind zudem zwei völlig unterschiedliche Angelegenheiten.

 

Denn im Gegenteil zwingen Unverträglichkeiten gerade dazu, einer abwechslungsreichen und bewussten Ernährung (und das schließt ja auch den Genuss mit ein) mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist ganz sicher weniger schwer, als es im ersten Moment klingen mag:

  • Wer wirklich nur auf die Lebensmittel verzichtet, die Reaktionen auslösen, hat normalerweise immer noch eine reiche Palette von Produkten, die gefahrlos auf den Teller kommen können.
  • Braucht es für ein Gericht ein Lebensmittel, das wegen seiner allergischen Wirkung nicht in Frage kommt, einfach mal nach einem Ersatzprodukt Ausschau halten. Mit Soja- statt Kuhmilch oder Eiersatzpulver statt richtigen Hühnereiern lassen sich in der Küche die gleichen Ergebnisse erzielen.
  • Überhaupt bietet die Lebensmittelindustrie für nahezu alle weiter verbreiteten Unverträglichkeiten eine verträgliche Alternative – da Allergene von den Herstellern inzwischen besonders gekennzeichnet werden müssen, dürfte die Auswahl leichter fallen.

Das Geschäft mit der Unverträglichkeit

Die wird auch durch das ständig wachsende Angebot der oben erwähnten „frei von“-Produkten erleichtert. Auf den ersten Blick wirkt das wie die Reaktion der Hersteller auf die Zunahme der Intoleranz- und Allergiediagnosen. Bei genauerer Betrachtung verhält es sich allerdings ein wenig anders. Richtig ist, dass die vermehrten Diagnosen eher eine Gefühls- als eine Tatsache sind. Richtig ist gleichzeitig auch, dass der Markt für „frei von“-Produkte nicht nur wegen der tatsächlich Erkrankten boomt.

 

Dazu trägt vielmehr die ungleich größere Zahl derer bei, die aus Verunsicherung oder vermeintlich gesundheitlichen Gründen auf bestimmte Inhaltsstoffe freiwillig verzichten, meistens völlig ohne Not und ohne nachweisbaren Nutzen.

„Die teilweise übertriebenen Sorgen können Depressionen und echte körperliche Beschwerden hervorrufen.“

Hier zeigt sich, was für ein schwieriges Feld das Thema Lebensmittelunverträglichkeit ist – und wie schnell mangelnde Aufklärung, gepaart mit mutmaßlich eindeutigen Symptomen, zu Überreaktionen führen können. Und damit sind nicht die körperlichen Reaktionen wegen der angenommenen Unverträglichkeiten gemeint.

Kopfsache

Denn obwohl sich Lebensmittelintoleranzen und –allergien eigentlich auf den physischen Bereich

 

Quelle: Mintel Group

 

auswirken, haben sie doch auch eine nicht zu unterschätzende psychische Komponente. So sehen viele einen Zusammenhang zwischen dem modernen Lebensstil und ihrem Gesundheitsstand. Gemessen am anhaltenden Fitness- und Selbstoptimierungshype ist es allerdings verwunderlich, dass dieser Zusammenhang negativ besetzt ist: Die Menschen fürchten um ihre Gesundheit und schaden ihr so möglicherweise sogar wirklich. Angst wird dann schnell von der psychischen zur körperlichen Belastung, die Skepsis gegenüber potenziellen Gesundheitsgefahren schlägt in ein allgemeines Misstrauen um.

 

Das ist selten rational, die Einschätzungen verschiedener Gefahrenquellen – etwa Gluten auf der einen und Salmonellen auf der anderen Seite – entsprechend zweifelhaft. Medial verbreitete Erkenntnisse werden in ihrem Zustandekommen kaum bis gar nicht hinterfragt: So werden zwar voller Sorge Berichte über Schadstoffbelastungen bei Lebensmitteln aufgenommen, dass diese seit Jahren unter den erlaubten Grenzwerten liegen und teilweise nur dank besserer Messtechnik überhaupt nachgewiesen werden können – bleibt auf der Strecke.

 

So sind Phänomene wie der „Nocebo-Effekt“ und der „Google-Faktor“ eigentlich keine große Überraschung: Beide sind sozusagen Begleiterscheinungen übermäßiger Sorgen, die durch einen Zugriff auf eine kaum zu überblickende Zahl von Informationen eher verstärkt als gelindert werden. Wie sollte es auch anders sein, immerhin sind die Symptome von Lebensmittelunverträglichkeiten so unspezifisch und vielfältig, dass selbst ernsthafte medizinische Untersuchungen nur schwer handfeste Ergebnisse zu Tage fördern. Warum sollte die Ferndiagnose per Internet-Checkliste da eine wirkungsvollere Methode sein? Vielleicht ist es im Zweifelsfall doch besser, einen Arzt zu konsultieren, bevor eine Selbstdiagnose gestellt wird – was übrigens für tatsächlich Betroffene wie für Nicht-Betroffene gilt. Für vermeidbare Fehleinschätzungen und ihre Folgen ist die Gesundheit dann letztlich doch zu wertvoll.

Geschrieben von Redaktion am 22.12.2016